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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 51907692
Autor: Silke Derwanz,
Telefon: 0049 170 5838674
E-Mail: silke.derwanz@t-online.de

Affiliation:

Hebamme; BKH Kufstein

Studiengang: Advanced Practice Midwifery
Forschungsbereich: Advanced Practice Midwifery

Mentor*innen-Ausbildung für Hebammen
Eine Notwendigkeit oder nur „good to know“?

Schlagwörter: Mentoring, Midwifery

Einleitung

An der Fachhochschule für Gesundheitsberufe Tirol – Innsbruck, hat im Januar 2020 die erste Mentor*innen-Ausbildung für Hebammen in Tirol begonnen. Im Vorfeld gab es kontroverse Diskussionen unter den derzeitigen Praxisanleiter*innen/ Mentor*innen über deren Notwendigkeit.

In Österreich ist die Weiterbildung zur Praxisanleitung im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) verankert. Mit der gesetzlichen Vorlage wurde erstmals der Wert einer hochwertigen praktischen Ausbildung hervorgehoben und Praxisanleiter*innen als Bindeglied zwischen Schule und praktischer Ausbildung, sowie als entscheidende Ressource für den Theorie-Praxis-Transfer gesehen.

Das Ziel der Arbeit ist es, die Forschungsfrage nach der Notwendigkeit einer berufsspezifischen Mentor*innen-Ausbildung für Hebammen aus Sicht der klinisch arbeitenden Hebammen und aus Sicht der Fachhochschul (FH)- Hebammen-Studiengangsleitungen zu beantworten.

Die Forschungsfrage lautet: „Sind Hebammen derzeit adäquat vorbereitet Student*innen in der praktischen Ausbildung zur Hebamme begleiten und anleiten zu können?

Methodische Vorgehensweise

Die Arbeit ist in einen theoretischen und einen empirischen Teil gegliedert.

Basis für den theoretischen Teil lieferte eine zielgerichtete Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, Google Scholar und Ebsco mit den Keywords „Mentoring“ und „Midwifery“, „History“ und Midwife“, „Cognitive Apprenticeship“, „Modelling mit Metalog“ und „Problemorientiertes Lernen“.

Im theoretischen Teil erfolgt nach einem kurzen historischen Überblick die Auseinandersetzung mit den Anforderungen an die Praxisanleitung, den Rahmenbedingungen der Hebammenausbildung in Österreich, sowie eine Beschreibung von Modellen für das Mentoring.

Im empirischen Teil wird der Frage nach der Notwendigkeit einer Mentor*innen-Ausbildung für Hebammen nachgegangen. Zu diesem Zweck wurde für die durchgeführte Studie ein Mixed-Methods-Ansatz gewählt. Mit Hilfe eines Online-Fragebogens wurden klinisch arbeitende Hebammen zum Thema „Mentor*innen-Ausbildung“ befragt. Der Fragebogen umfasst 40 Fragen. Mit der Beantwortung der zweiten Frage, nach der Teilnahme an einer Mentor*innen-Ausbildung, unterteilt der Fragebogen die Teilnehmer*innen in zwei Gruppen – Hebammen mit und ohne Mentor*innen-Ausbildung. Die Fragebögen beider Gruppen enthielten geschlossene so wie offene Fragen. Die Daten der geschlossenen Fragen wurden mit dem Statistik-Programm SPSS 27 für Windows und Excel Microsoft 353 ausgewertet. Die offenen Fragen wurden mit Hilfe des qualitativen Auswertungsprogramms MAXQDA 2020 Analytics Pro bearbeitet und analysiert.

Weiters wurden drei leitfadengestützte Interviews mit Hebammen-FH-Studiengangsleitungen geführt. Vier deduktiv vorgegebene Kategorien ergaben sich durch den Interviewleitfaden und wurden durch induktiv gebildete Kategorien erweitert. Die Inhaltsanalyse erfolgte unter Verwendung der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring.

Ergebnisse

Ausgehend von einer Grundgesamtheit von 567 klinisch arbeitenden Hebammen in Österreich, lag die Beteiligung an der Umfrage bei 26,8 %. 152 vollständig ausgefüllte Fragebögen sind in die Datenauswertung eingeflossen, wovon 32 Teilnehmer*innen eine Mentor*innen-Ausbildung absolviert hatten.

Die Motivation für die Teilnahme an der Ausbildung begründeten 28 Teilnehmer*innen mit „eigenem Interesse“. Etwa bei einem Drittel beruhte die Teilnahme auf der Forderung des Arbeitgebers. Der überwiegende Teil (n=27) hatte im Vorfeld einen Handlungsbedarf im Umgang mit Student*innen erkannt.

In der Gruppe der Hebammen, die die Weiterbildung absolviert haben, sah nur ein*e Kolleg*in ein berufsspezifisches Fortbildungsangebot für Hebammen als nicht sinnvoll an. 31 Teilnehmer*innen sprachen sich dafür aus. Ebenso sprachen sich rund 72% für die Präsenz eines*r Mentors*in als Voraussetzung für die praktische Arbeit mit Student*innen in geburtshilflichen Einrichtungen aus.

120 der Teilnehmer*innen hatten keine Mentor*innen-Ausbildung absolviert. In dieser Gruppe sehen sich fast zwei Drittel (64,2%) der Befragten auf die ausbildende und anleitende Aufgabe nicht ausreichend vorbereitet. Als Notwendigkeit für die anleitende Aufgabe sehen die Teilnehmer*innen vor allem „Zeit“ (n=57), Fort- und Weiterbildung (n=52), klare Richtlinien (n=49) und Berufserfahrung (n=44), aber auch Anerkennung (n=31) und Unterstützung durch den Arbeitgeber (n=26). 60% der Befragten erachten eine Berufserfahrung von mehr als 3 Jahren als angebracht, um Student*innen im Praktikum anzuleiten und ausbilden zu können.

101 Teilnehmer*innen (84,1%) dieser Gruppe halten eine separate, berufsspezifische Weiterbildung zum*r Mentor*in für sinnvoll. 57,5 % befürwortet ebenso die Präsenz eines Mentors als Voraussetzung für die, wobei das Thema „Qualität der Ausbildung“ im Vordergrund der Antworten stand.

Das Kategoriensystem der Interviews bestand aus vier deduktiv gebildeten Kategorien: „Erwartungen“, „Zufriedenheit“, „ideale Voraussetzungen“ und „Mentor*innen-Ausbildung“, die durch den Interviewleitfaden vorgegeben waren. Diese wurden ergänzt durch die Kategorien: „Kompetenzen“, „Kontakt zur FH“, „Anerkennung“ und „Freiwilligkeit“.

Die Erwartungen der Studiengangsleitungen waren, dass die Praktikumsstellen die gesetzlich vorgegebenen Kriterien für die Ausbildung erfüllen und eine hochwertige, fachlich kompetente praktische Ausbildung gewährleisten, welche die Sicherstellung der Ausbildungsziele garantiert.

In Bezug auf die Zufriedenheit mit der derzeitigen praktischen Ausbildung der Student*innen wurde eine stake Diskrepanz zwischen den Praktikumsstellen betont, sowie eine geringe Auswahlmöglichkeit der Fachhochschulen, aufgrund der begrenzten Zahl an  Praktikumsstellen.

Als Voraussetzung für eine qualitativ hochwertigen praktische Ausbildung der Student*innen stehen die Themen „Zeit“, „Konstanz“ und „Akzeptanz“ im Vordergrund der Äußerungen der Befragten, aber auch die Thematik „Verknüpfung von Theorie und Praxis“, „pädagogische Eignung“ und die „Bereitschaft“, die Funktion der Anleitenden auszuüben.

Die Frage nach einer Mentor*innen-Ausbildung wird von den Studiengangsleitungen begrüßt und als Möglichkeit der Qualitätssicherung der praktischen Ausbildung angesehen, wenn auch eine verpflichtende Ausbildung, aufgrund der angespannten Lage der Praktikumsstellen, als schwer durchsetzbar erachtet wird.

In der Kategorie „Kompetenzen“ wird das Thema „Beurteilungen“ als herausfordernd für die Ausbildner*innen hervorgehoben und Schulungsbedarf angemerkt. Auch das Thema „Verantwortung“ wird in den Aussagen der Interviewten große Bedeutung beigemessen.

Der Tenor bei den Befragten in Bezug auf „Anerkennung“ ist, dass die Aufgabe des Mentoring einen Stellenwert und Anerkennung vom Team und von den Dienstgebern benötigt. Auch wird „Freiwilligkeit“ als Voraussetzung für eine gute Praktikumsbegleitung gesehen.

Diskussion

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen deutlich auf, dass sich die Befragten aus der Gruppe der Hebammen ohne Mentor*innen-Ausbildung zu fast zwei Drittel nicht ausreichend auf die Arbeit mit den Student*innen vorbereitet sehen. Dies deckt sich mit internationalen Studien. (vgl. Gray & Downer 2020: 6; Tuomikoski et al. 2018: 83)

Ein großes Manko besteht in der unzureichenden gesetzlichen Regelung für Mentor*innen in Österreich. Im §3 der FH-Heb-AV „Gestaltung der Hebammenausbildung“ sind zwar die Voraussetzungen für die Praktikumsstellen vom Gesetzgeber definiert, aber es wurde von Seiten des Hebammengremiums versäumt, Konzepte zur Sicherstellung des Kompetenzerwerbs zu entwickeln. (FH-Heb-AV: §3)

Definiert sind ebenfalls die Mindestanforderungen an die Praxisanleitung im §6 FH-Heb-AV. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die vorgeschriebene Berufserfahrung von Minimum einem Jahr, von mehr als 60 % der Teilnehmer*innen als nicht ausreichend angesehen wird.

Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die praktische Ausbildung von Hebammen-Student*innen überwiegend auf Freiwilligkeit und dem Engagement von einzelnen Kliniken und auf der Initiative von Einzelpersonen beruht und unzureichend vom Gesetzgeber definiert ist. Hier sollten vom Hebammengremium und den Fachhochschulen klarere Strukturen vom Gesetzgeber eingefordert oder der gesetzlich gebotene Spielraum genutzt werden, um eigene Kriterien aufzustellen.

Der Gesetzgeber erwartet „geeignete pädagogisch Fähigkeiten“ von den Mentor*innen, die nicht  genauer definiert werden. (FH-Heb-AV: §6)

Eine verpflichtende Mentor*innen-Ausbildung gibt es aber derzeit in Österreich nicht, welche die Grundlage für diese Forderung des Gesetzgebers wäre. Damit sind Kliniken und Hebammen alleingelassen in der Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben und einmal mehr ist diese von dem Engagement Einzelner abhängig.

Literatur

Bundesministerin für Gesundheit und Frauen (27.08.2021): RIS – FH-Hebammenausbildungsverordnung – Bundesrecht konsolidiert, Fassung vom 27.08.2021. Online verfügbar unter https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20004515, zuletzt geprüft am 27.08.2021.

Gray, Michelle; Downer, Terri (2020): Midwives’ perspectives of the challenges in mentoring students: A qualitative survey. In: Collegian 28 (1), S. 135–142. DOI: 10.1016/j.colegn.2020.05.004.

Tuomikoski, Anna-Maria; Ruotsalainen, Heidi; Mikkonen, Kristina; Miettunen, Jouko; Kääriäinen, Maria (2018): The competence of nurse mentors in mentoring students in clinical practice – A cross-sectional study. In: Nurse education today 71, S. 78–83. DOI: 10.1016/j.nedt.2018.09.008.

Abbildungen

 

Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: