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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 51907693
Autor: Alev Gökdemir,
Telefon: 0041798323899
E-Mail: alev.goekdemir@gmx.ch

Affiliation:

Hebamme im Universitätsspital Zürich

Studiengang: Advanced Practice Midwifery
Forschungsbereich: Advanced Practice Midwifery

Second Victim

Sekundäre Traumatisierung von Hebammen im klinischen Setting sowie ihre Auswirkungen und deren Bewältigung

Schlagwörter: Sekundäre Traumatisierung, Hebamme

Einleitung

Hebammen gelten als besonders vulnerabel, da sie durch einen sehr engen Kontakt während der Betreuung einer Gebärenden eine enge Beziehung zu den Frauen und ihren Familien aufbauen, die durch Empathie geprägt ist. So können solche Ereignisse auch beim Versorgungsteam zu prägenden Erfahrungen und Traumatisierungen führen. Zurecht heben Leinweber & Rowe (2010) hervor, dass Empathie als Grundvoraussetzung in der Beziehung zwischen Hebamme und der Gebärenden bei ho- her Ausprägung die Gefahr birgt, dass die Hebamme selbst während des Erlebens und Begleitens traumatisiert wird (Leinweber/Rowe 2010: 76 ff.).

Diese Aussage wird auch durch Schrøder et al. (2016) unterstützt, sie erklären, dass Hebammen ein signifikant höheres Risiko haben, mit einer perinatal belastenden Situation konfrontiert zu werden, als Geburtshelfer:innen (Schrøder et al. 2016: 54 f.). Hinsichtlich des konkreten Risikos für eine Hebamme, einem solchen Ereignis zu begegnen, gibt es für die Schweiz keine Angaben.

In der aktuellen Forschung und in der Literatur finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass die Arbeit mit traumatisierenden Ereignissen in der Geburtenabteilung auch Spuren bei den Mitarbeiter:innen hinterlässt. Ein Konzept, das sich mit dieser Thematik beschäftigt, ist das der Sekundären Traumatisierung. Es stellt den Prozess einer Sekundären bzw. indirekten Traumatisierung professioneller Helfer:innen durch die Konfrontation mit Traumata ihrer Patienten und Patientinnen dar (Leinweber/Rowe 2010: 76 ff.). Da eine Sekundäre Traumatisierung auch langwierige Folgen mit sich bringen kann, die bis hin zum Berufsausstieg führen können, erscheint eine intensive Auseinandersetzung insbesondere mit den Auswirkungen, möglichen Bewältigungsstrategien und entsprechender Unterstützung, um Hebammen vor schwerwiegenden Erkrankungen zu schützen, notwendig zu sein.
Das Ziel dieser Arbeit ist das Aufzeigen der subjektiv empfundenen Auswirkungen sekundärer Traumaexpositionen auf die betreuende Hebamme im Akutspital sowie die Identifizierung der angewendeten Bewältigungsstrategien.

Methodische Vorgehensweise

Die breit angelegte Literaturrecherche erfolgte im Januar und Oktober 2021 als Grundlage in namhaften Datenbanken PubMed, Medline, Livivo PsychInfo und Cochrane Library.
Folgende Schlüsselwörter wurden mit den Bool’schen Operatoren AND und OR verknüpft und verwendet. Die Suche wurde mit folgenden Keywords durchgeführt: secondary traumatic stress, second victim, traumatic birth, midwifery, coping, coping strategies, resilience, stress, impact, psychosocial health and wellbeing, centered care und countertransference

Qualitative leitfadengestützte semistrukturierte Interviews bilden die Grundlage der Datenerhebung. Das Ziel war, möglichst facettenreiche Informationen über die Themenbereiche Sekundäre Traumatisierung, deren Auswirkungen und Bewältigung zu gewinnen. Es wurden Einzelinterviews angestrebt, weil Einzelinterviews ein intimeres Setting schaffen als Gruppen, was bei dem sensiblen Thema angebracht erschien. Der Hauptfragestellung wurde mittels einer an Braun & Clark (2008) angelehnten thematischen Inhaltsanalyse beantwortet.

Die Rekrutierung der Hebammen erfolgte mittels einem Informationsschreiben via E-Mail an drei grössere Krankenhäuser in Raum Zürich (Universitätsspital Zürich, Stadtspital Triemli und Spital Limmattal). Die Voraussetzungen für die Teilnahme an einem Interview waren wie folgt: Berufstätig in der Gebärabteilung sowie Exposition mit mindestens einer traumatischen Geburtssituation in der Vergangenheit.

Im Zeitraum von Juli bis August 2021 wurden zehn Interviews in der Deutschschweiz durchgeführt.

Die Interviews wurden mit einem Apple iPhone 8® mit der „Sprachmemos“-App aufgenommen und anschliessend wörtlich transkribiert. Die Aufzeichnungen belaufen sich zwischen 21 und 58 Minuten. Die Transkription wurde mit dem Programm MAXQDA 2020® erstellt.

Ergebnisse

Mittels der qualitativen Inhaltsanalyse konnten durch alle zehn Interviews Haupt- und Subthemen identifiziert werden. Zu den Haupt- und Subthemen gehören:
–  Herausfordernde Situationen im Berufsalltag mit den Subthemen organisatorische und interprofessionelle Herausforderungen sowie die Herausforderungen in der Betreuung
–  Traumatisch erlebte Situationen in der Geburtenabteilung, ebenfalls unterteilt in zwischenmenschliche und geburtshilfliche Bereiche
–  Auswirkungen traumatisch erlebter Situationen mit den Unterthemen berufliche Auswirkungen sowie Auswirkungen auf das Privatleben und ergänzend noch die Dauer solcher Folgen
–  Förderfaktoren im Bewältigungsprozess, unterteilt in Ressourcen der Hebammen und der Institution
–  Schwierigkeiten im Bewältigungsprozess mit den Subthemen Schwierigkeiten in der Organisation und im Bewältigungsprozess der betroffenen Hebamme sowie die Interaktion im Team
– Erwartungen an die Institution, unterteilt in Bezug auf die betroffene Hebamme und auf die Organisation
– Vorschläge für die Unterstützung des Bewältigungsprozesses, auch unterteilt in Bezug auf die Institution und die betroffene Hebamme
– Die Notwendigkeit solcher Unterstützungsmassnahmen für die Hebammen

Um ein klareres Bild über die Ergebnisse zu erhalten, dient Abbildung 1.

Diskussion

Angesichts der Tatsache, dass die Arbeit in der Geburtenabteilung mit emotionalen Belastungen und Herausforderungen verbunden ist, die sich negativ auf das Wohlbefinden, die Arbeitsverhältnisse und die Arbeitsleistung der betroffenen Hebammen auswirken können, sind die Unterstützung und Förderung im Bewältigungsprozess sowie Resilienz immens wichtig. Des Weiteren sollte es unter anderem auch in der Verantwortung der Institution liegen, die Bewältigung und die Resilienz der betroffenen Hebammen, die im Rahmen ihrer täglichen Tätigkeit mit emotionalen Herausforderungen und Schicksalsschlägen konfrontiert sind, zu fördern und zu unterstützen. Es ist jedoch wichtig zu bedenken, dass die Arbeit in der Geburtenabteilung in erster Linie auf Zwischenmenschlichkeit sowie Empathie basiert und auf interprofessionelle Kollegialität sowie Unterstützung angewiesen ist. Dabei wird sie oft durch organisatorische und betriebliche Richtlinien und Abläufe beeinflusst. Die Arbeit der Hebammen in der Geburtenabteilung liegt daher nicht allein in den Händen der einzelnen Geburtshelferin. Unternehmenskultur, Arbeitsabläufe und Prozesse, welche die Vorgehensweise steuern, müssen daher kreativere Wege einschliessen, um die Förderung und Unterstützung des Wohlbefindens der Hebammen angesichts steigender Ansprüche und Herausforderungen in der Geburtenabteilung wirksam und konsequent zu gestalten.

Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass ein individuelles Angebot sowie ein offener Umgang und die Enttabuisierung nach einer traumatisch erlebten Geburtssituation für die Förderung der Bewältigung entscheidend sein können. Von zentraler Bedeutung ist das direkte Ansprechen, die Individualität der institutionellen Unterstützungsangebote und die dabei empfundene Empathie für die betroffenen Hebammen. Da sich der Bewältigungsprozess bei jedem Menschen anders gestalten kann, ist es umso wichtiger, dass die Möglichkeit für ein Einzelgespräch gegeben ist, um die Bedürfnisse klar zu kommunizieren. Um diesen Schritt für die Betroffenen einfacher zu gestalten, wäre ein Handlungsleitfaden mit den wichtigsten Unterstützungsangeboten und Telefonnummern hilfreich bzw. notwendig. Durch diesen Denkanstoss würden Hebammen nach einer traumatisch erlebten Geburtssituation die wichtigsten Angebote zur Kenntnis nehmen und so gegebenenfalls selbstständig sowie unabhängig von der Institution mit ihnen in Kontakt treten, beispielsweise mit dem psychologischen Dienst. Dabei kann man vorbeugend langfristigen Auswirkungen entgegenwirken und die Hebammen in ihrem Bewältigungsprozess unterstützen.

In diesem Zusammenhang hat sich ebenso gezeigt, dass zur Unterstützung des Bewältigungsprozesses regelmässige und zeitnahe Nachgespräche mit allen beteiligten Disziplinen stattfinden sollten. Dabei spielen Art und Form eine zentrale Rolle. Für eine umfangreiche Reflexion sollten alle betroffenen Disziplinen eingeladen werden, um einen effektiven Austausch gewährleisten zu können. Hier wird insbesondere auf die Supervision hingewiesen. Es zeigt sich in den Ergebnissen und aktuellen Studien, dass die Supervision als eine resilienzfördernde Strategie angesehen wird und die Hebammen bei ihrer Bewältigung sowie Resilienz fördert.

Literatur

Braun, Virginia / Clarke, Victoria: Using thematic analysis in psychology. In: Qualitative research in psychology 3, 2006, 77 – 101

Leinweber, Julia / Rowe, Heather J.: The costs of ‘being with the woman’: secondary trau- matic stress in midwifery. In: Midwifery 26, 2010, 76 – 87

Schrøder, Katja et al.: Psychosocial Health and Wellbeing among Obstetricians and Mid- wives Involved in Traumatic Childbirth. In: Midwifery 41, 2016, 45 – 53

Abbildungen

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Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: