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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 2030055008
Autor: Sabine Murbacher, MSc BSc
Telefon: 06502598763
E-Mail: s.murbacher@fh-kaernten.at

Affiliation:

Hochschullehrende an der FH Kärnten gemeinnützige Gesellschaft mbH; Europastraße 4, 9524 Villach

Studiengang: Ergotherapie und Handlungswissenschaft
Forschungsbereich: Ergotherapie und Handlungswissenschaft

Familienzentrierte Ergotherapie – Beteiligung von Eltern in der ambulanten, pädiatrischen Ergotherapie aus Sicht von Ergotherapeut*innen Kärntens (Österreich)

Schlagwörter: Ergotherapie, Eltern, Beteiligung, Pädiatrie, ambulante Therapie

Einleitung

Im österreichischen Gesundheitswesen gibt es hohen Bedarf an effizienter Ergotherapie. Lange Wartelisten sowie grundsätzlich zehn bzw. in Ausnahmefällen 20 Behandlungen pro Zuweisung fordern Ergotherapeut*innen, gesetzte Ziele rasch zu erreichen (Rahmenvereinbarung über die Erbringung ergotherapeutischer Leistungen durch freiberuflich tätige Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, 2020). Ein Grundpfeiler wirksamer Ergotherapie stellt die Klientenzentrierung dar, welche über den*die Klient*in hinaus auch Menschen, die zur unmittelbaren sozialen Lebensumwelt gehören, nach Möglichkeit miteinbezieht (Costa, 2014).

So wird bei Kindern besonders die Anwesenheit, Partizipation und Beteiligung (im englischen „Engagement“) der Eltern während der Therapie für einen nachhaltigen Therapieerfolg beschrieben (Costa, 2016; D’Arrigo et al., 2020b; King et al., 2019; Phoenix et al., 2020a) und als Best Practice-Standard der pädiatrischen Ergotherapie angesehen (Costa, 2016; Jaffe et al., 2010). Die Eltern sind es, die die Therapie für ihr Kind in Anspruch nehmen, Kontakt und Beziehung zu den Therapeut*innen aufbauen aber auch das kindliche Handeln in der jeweiligen sozialen Umwelt mitbeeinflussen (Costa, 2016; Polatajko et al., 2007).

Im familienzentrierten Ansatz wird die Familie in allen Aspekten des Prozesses involviert und ausschließlich für die Familie relevante und auf deren Bedürfnissen basierenden Interventionen angewandt (Pereira & Seruya, 2021). Die Wirkung und das Bewusstsein über den Einfluss von Familie in der ergotherapeutischen Pädiatrie scheinen somit bereits gegeben, doch ob, wie und auf Basis welcher Begründung Beteiligung von Eltern in der Praxis gelebt wird, ist noch unzureichend wissenschaftlich untersucht.

Ziel dieser Arbeit war es, (1) zum aktuellen Verständnis beizutragen, wie Ergotherapeut*innen in der ambulanten, pädiatrischen Praxis in Kärnten (Österreich) Eltern am Therapieprozess beteiligen, (2) Faktoren zu identifizieren, die die (2.1) Beteiligung und (2.2) Nicht-Beteiligung von Eltern beeinflussen sowie (3) zu erfahren, was Ergotherapeut*innen dabei von ihrem Professionellen Reasoning her leitet.

Methodische Vorgehensweise

Die Arbeit basiert auf einem qualitativen Forschungsansatz. Es galt, sich subjektiven beziehungsweise Alltags-Theorien von Ergotherapeut*innen zu nähern ohne dabei einen Anspruch auf Vergleichbarkeit, Vollständigkeit oder Generalisierbarkeit zu erheben. Dementsprechend wurden explorative Expert*inneninterviews geführt, um einer ersten Orientierung über Interpretationen, Handlungsmaximen und Vorstellungen der Expert*innen Raum zu geben (Bogner et al., 2014). Um bei der Zulässigkeit und Erwünschtheit an subjektiven Theorien der Interviewten eine dementsprechende Nachvollziehbarkeit und Verlässlichkeit der qualitativen Daten zu gewährleisten, stützte sich diese Arbeit auf die drei methodologischen Prinzipien der Offenheit, des theoriegeleiteten und des regelgeleiteten Vorgehens, zusammengefasst durch Gläser und Laudel (2009).

Der Interviewleitfaden und der dem voran gegangene Kurzfragebogen wurden nach dem Ansatz von Bogner et al. (2014) entwickelt und mehrfach pilotiert. In den ersten drei Interviews wurden geringfügige Anpassungen vorgenommen, danach blieb der Leitfaden unverändert. Nach jedem Interview wurde sofort ein Interviewbericht und Gedächtnisprotokoll erstellt, um mögliche Einflussfaktoren auf das Gespräch und aufkommende Gedanken für die spätere Diskussion und Ergebnisse festzuhalten.

Im Sinne eines theoretischen Samplings wurden zwischen Dezember 2022 und März 2023 10 Ergotherapeut*innen der pädiatrischen, ambulanten Praxis in Kärnten aus unterschiedlichen Settings kontaktiert. Hierbei wurden systematisch niedergelassene Wahl- und Kassen-Ergotherapeut*innen sowie Ergotherapeut*innen im ambulanten Setting Krankenhaus, Ambulatorium, Schule und Kindergarten möglichst variabel im Hinblick auf Berufserfahrung und Geschlecht ausgewählt. Im Fall einer Absage oder ausgebliebener Rückmeldung wurde nachplatziert.

Die erhobenen Daten wurde nach Kuckartz (2018) vollständig anonymisiert transkribiert und induktiv in Anlehnung an das thematische Kodieren nach Flick (2012) analysiert. Zur Qualitätssicherung wurde eine kommunikative Validierung eingeholt, die Forscher*innen-Perspektive trianguliert sowie der gesamte Forschungsprozess nachvollziehbar dokumentiert.

Vor der Durchführung wurde das Vorhaben der Ethikkommission des Landes Kärnten (EK-Nr: S2022-29) und dem Research Committee for Scientific Ethical Questions (RCSEQ) der Tiroler Privatuniversität UMIT Tirol und der fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH (Meldung: 3188) im verkürzten Verfahren vorgelegt.

Ergebnisse

Anlässlich einer eingeschränkten Erreichbarkeit wurden schlussendlich 9 Expertinneninterviews mit ausschließlich weiblichen Teilnehmerinnen geführt. Hierbei konnten Ergothearpeutinnen kärntenweit flächendeckend und variabel in städtischen und ländlichen Gebieten erreicht werden. Das Setting, in denen sie tätig waren, konnte im ausgeglichenen Maß zwischen Ambulatorium, niedergelassene Praxis sowie Schule/Kindergarten zusammengefasst werden. Die praktische Erfahrung der Ergotherapeutinnen im pädiatrischen Setting erstreckte sich von 6-28 Jahren.

Die Analyse der Daten ergab vier wesentliche Themen im Zusammenhang mit dem Forschungsziel.

Die Ergotherapeutinnen nennen im Rahmen der Interviews umfassende Herangehensweisen, um Eltern in und an der Therapie des Kindes zu beteiligen. Zusammenfassend können die angewandten Strategien unter anderem auf die Individualisierung der zeitlichen Planung, dem Zusammenarbeiten, Informieren, Beraten, Anleiten, Coachen sowie dem Unterstützen des Transfers in den Alltag verdichtet werden und lassen somit eine deutliche Querverbindung zu den Enablement Skills aus dem „Canadian Model of Client-Centered Enablement (CMCE)“ (Townsend & Polatajko, 2007) der Ergotherapie zu.

Neben konkreten Strategien nennen die Therapeutinnen die Anpassung und bewusste Wahl des therapeutischen Settings hinsichtlich der Präsenz der Eltern und der räumlichen Platzierung dieser im Fall einer Anwesenheit sowie der Gestaltung des Therapieraumes.

Wechselwirksam und grundlegend für die Entscheidung über das „Wie“ der Beteiligung ergaben sich Kontextfaktoren, die auf den bisherigen Erfahrungen der Therapeutinnen basieren. Einerseits Umweltfaktoren, wie das Setting, der Zugang zu Eltern und die Kostenübernahme der Therapie sowie andererseits personbezogene Faktoren der Therapeut*innen, des Kindes und der Eltern.

Darüber hinaus ließen sich umfangreiche Erwartungen, die Therapeutinnen selbst sowie die Eltern betreffend, im Zusammenhang mit der Entscheidung über eine Beteiligung beziehungsweise Nicht-Beteiligung der Eltern erheben. Sich besser auf die Therapieeinheiten vorzubereiten, immer ansprechbar und abrufbereit für Eltern zu sein oder auch Empfehlungen aus Aus- und Fortbildungen zu folgen nannten die teilnehmenden Therapeutinnen. Eltern hingegen sollten auf diverse Art Bereitschaft zur Beteiligung zeigen, über Wissen zum Inhalt, Sinn und Ziel der Therapie sowie Umsetzungs- und Unterstützungsmöglichkeiten zu Hause verfügen, Termine (verlässlich) wahrnehmen, zu bestimmten (vereinbarten) Zeitpunkten anwesend sein und die therapeutischen Empfehlungen umsetzen.

Interessant ist, dass sich im Settingvergleich von Kindergarten/Schule, niedergelassene Praxis, Ambulatorium kaum Unterschiede im Hinblick auf das Forschungsziel erkennen lassen. Laut Teilnehmerinnen sind die Eltern in Schulen und Kindergärten selten anwesend und die Kontaktaufnahme erfolgt überwiegend durch die Therapeutinnen. Naheliegend wird daher beschrieben, dass auch das Kennenlernen der Eltern im Schul- und Kindergartenkontext deutlicher zu forcieren ist als in Ambulatorien und niedergelassenen Praxen. Ein familienzentrierter Ansatz ließ sich in keiner der gewählten Settings beziehungsweise Praxen identifizieren.

Diskussion

Die Ergebnisse dieser Arbeit unterstützen die Annahme sowie verfügbare Literatur, dass die Beteiligung von Eltern höchst individuell und kontextabhängig von Ergotherapeut*innen gestaltet wird. Unterschiedliche Strategien werden eingesetzt, auch zur Gestaltung des Settings. Erfahrungsbasierte Kontextfaktoren wie auch Erwartungen an Eltern, Kind und Therapeut*innen selbst leiten Ergotherapeut*innen dabei.

Wesentlich zu diskutieren ist das diverse Verständnis des Begriffes „Beteiligung“ in der Literatur wie auch in der Praxis. Die teilnehmenden Ergotherapeutinnen dieser Arbeit verstehen Beteiligung, deckungsgleich mit bisheriger Literatur, vor allem im Rahmen behavioraler Aspekte. Kognitive und affektive Aspekte der Beteiligung, wie sie King & Chiarello (2019) beschreiben, werden indirekt angesprochen, doch weniger explizit betont. Werden die genannten Strategien zudem auf die Stufen der Partizipation in Anlehnung an Buchli (2017) angewandt, ist festzustellen, dass, begründet durch unterschiedliche Einflussfaktoren, bei Nicht-Gelingen einer Beteiligung der Eltern eher auf Nicht- sowie Vorstufen der Partizipation zurückgegriffen wird. Vor dem Hintergrund, dass Partizipation neben einem gesteigerten Therapieerfolg zu verbessertem Selbstmanagement und Gesundheitsverhalten von Menschen beiträgt, beschreibt es Buchli (2017) als unverzichtbar, Klient*innen zum Mitwirken zu befähigen.

Als wesentlich in Zusammenhang mit der Beteiligung von Eltern ergaben sich zudem bestehende Werte bzw. Erwartungen von Ergotherapeut*innen. Wie King et al. (2019) feststellten, kommen auch Eltern und Kinder mit Erwartungen, die den Therapieerfolg maßgeblich beeinflussen. Ein Klären der Erwartungen aller Perspektiven, kann einem „Mis-Match“ entgegenwirken und wesentlich für den Ergotherapie-Erfolg sein.

Trotz der Angabe der Therapeutinnen, sich wenig an theoretischen Modellen in der Beteiligung von Eltern zu orientieren, lässt sich in der Gesamtheit der Daten dennoch ein wesentlicher Konnex zwischen der Beteiligung von Eltern und ergotherapeutischen Modellen, wie zum Beispiel dem „Person-Environment-Occupational Performance Model“ (Law et al., 1996) herstellen. Es wird ersichtlich, dass die Beteiligung von unterschiedlichsten Faktoren der Person, Umwelt und Art der Beteiligung beeinflusst wird und Ergotherapeut*innen gefordert werden, das Setting und die Auswahl an Strategien so zu gestalten, dass eine erfolgreiche Beteiligung ermöglicht wird. „Beteiligung am Therapieprozess ihres Kindes“ kann somit als Betätigung von Eltern als erweiterte Klient*innen verstanden werden und Kernkompetenzen der Ergotherapie fordern (Townsend & Polatajko, 2007).

Für die Praxis bietet diese Arbeit eine Sammlung aus unterschiedlichen Strategien zur Beteiligung von Eltern, ohne deren Wirksamkeit zu bestätigen. Sie ruft dazu auf, eigene Herangehensweisen zu reflektieren und Erwartungen aller zu klären. Ein Fehlen an Kompetenzen im Umgang mit Eltern sowie ein überwiegend erfahrungsgestützter Zugang weisen ergänzend zur bisherigen Literatur darauf hin, dass ein Bedarf an Aus- und Weiterbildungsangeboten in diesem Zusammenhang bestehen.

Für die Forschung bedeutet dies neben zahlreichen weiteren Forschungsimplikationen weitere Beteiligte wie die Eltern oder Kinder selbst, sowie divergierende Forschungsdesigns mitzudenken, um eine umfassende Perspektive abzubilden und Parallelen sowie Widersprüche gegenüberzustellen.

Betreuung der Masterarbeit: Prof.in (FH) Mag.a Dr.in Ursula Costa und Nadine Scholz-Schwärzler, Bc of Heatlh OT (NL), MSc

Literatur

Bogner, A., Littig, B. & Menz, W. (Hrsg.). (2014). Lehrbuch. Interviews mit Experten: Eine praxisorientierte Einführung. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19416-5

Buchli, L. (2017). Verantwortung teilen – Partizipation in der Therapie. ergopraxis(6), 18–23.

Costa, U. (2014). Sinnvolle Handlung als gesundheitsfördernder Wirkfaktor. Ergebnisse KRAH®-basierter Therapie. ergoscience, 9(2), 46–56.

Costa, U. (2016). Arbeit mit Eltern und Umfeld von Kindern und Jugendlichen. In A. M. Baumgarten & H. Strebel (Hrsg.), Spektrum Ergotherapie. Ergotherapie in der Pädiatrie: Klientenzentriert – betätigungsorientiert – evidenzbasiert (1. Aufl., S. 141–149). Schulz-Kirchner Verlag.

D’Arrigo, R., Copley, J., Poulsen, A. & Ziviani, J. (2020b). Strategies occupational therapists use to engage children and parents in therapy sessions. Australian occupational therapy journal, 67(6), 537–549. https://doi.org/10.1111/1440-1630.12670

Flick, U. (2012). Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung (5. Aufl.). Rororo Rowohlts Enzyklopädie: Bd. 55694. Rowohlt-Taschenbuch-Verl.

Gläser, J. & Laudel, G. (2009). Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen (3., überarb. Aufl.). Lehrbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Jaffe, L., Humphry, R. & Case-Smith, J. (2010). Working with families. In Jane Case-Smith, Jane Clifford O’Brien, J. Case-Smith & J. C. O’Brien (Hrsg.), Occupational therapy for children (6. Aufl., S. 108–140). Elsevier Mosby.

King, G., Chiarello, L. A., Ideishi, R., Ziviani, J., Phoenix, M., McLarnon, M. J. W., Pinto, M., Thompson, L. & Smart, E. (2019). The complexities and synergies of engagement: an ethnographic study of engagement in outpatient pediatric rehabilitation sessions. Disability and rehabilitation, 43(16), 2353–2365. https://doi.org/10.1080/09638288.2019.1700562

Kuckartz, U. (2018). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung (4. Aufl.). Grundlagentexte Methoden. Beltz Juventa.

Law, M, Cooper, B., Strong, S., Stewart, D, Rigby, P. & Letts, L. (1996). The person-environment-occupation model: A transactive approach to occupational performance. Canadian journal of occupational therapy, 63, 9–23. https://doi.org/10.1177/00084174960630010

Pereira, I. J. & Seruya, F. M. (2021). Occupational Therapists’ Perspectives on Family-Centered Practices in Early Intervention. The Open Journal of Occupational Therapy, 9(3), 1–12. https://doi.org/10.15453/2168-6408.1848

Phoenix, M., Jack, S. M., Rosenbaum, P. L. & Missiuna, C. (2020a). A grounded theory of parents‘ attendance, participation and engagement in children’s developmental rehabilitation services: Part 2. The journey to child health and happiness. Disability and rehabilitation, 42(15), 2151–2160. https://doi.org/10.1080/09638288.2018.1555618

Polatajko, H. J., Backman, C., Baptiste, S., Davis, J., Eftekhar, P., Harvey, A., Jarman, J., Krupa, T., Lin, N., Pentland, W., Lalibert Rudman, D., Shaw, L., Amoroso, B. & Connor-Schisler, A. (2007). Human occupation in context. In E. A. Townsend & H. J. Polatajko (Hrsg.), Enabling occupation II: Advancing an occupational therapy vision for health, well-being & justice through occupation (37-61). Canadian Association of Occupational Therapists.

Rahmenvereinbarung über die Erbringung ergotherapeutischer Leistungen durch freiberuflich tätige Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten (2020). https://www.gesundheitskasse.at/cdscontent/load?contentid=10008.761511&version=1646389623

Townsend, E. A. & Polatajko, H. J. (Hrsg.). (2007). Enabling occupation II: Advancing an occupational therapy vision for health, well-being & justice through occupation. Canadian Association of Occupational Therapists.

Abbildungen

 

Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: