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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

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Matrikel: 1730031002
Autor: Lisa Resei, MSc BSc
Telefon: +436641526786
E-Mail: lisa-marie.resei@gmx.at

Affiliation:

Hauptberuflich Lehrende an der Fachhochschule Kärnten am Studiengang Ergotherapie

Studiengang: Ergotherapie und Handlungswissenschaft
Forschungsbereich: Ergotherapie und Handlungswissenschaft

Ist ja nur der Daumen, oder?

Auswirkungen der Rhizarthrose auf den Alltag von Betroffenen

Schlagwörter: Ergotherapie, Rhizarthrose, Alltag, Handlungsrollen

Einleitung

Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist die Arthrose eine multifaktoriell bedingte, degenerative Erkrankung von Gelenken, die zu einem fortschreitenden Umbau der Gelenksstrukturen führt und mit schmerzhaften Funktionseinschränkungen, bis hin zum weitgehenden Funktionsverlust betroffener Gelenke, verbunden ist (AWMF, 2018). Die Arthrose im Daumensattelgelenk, auch als Rhizarthrose bekannt, zählt zu den am häufigsten vorkommenden Arthroseformen der Hand (Grünecker, 2014).

Laut Kjeken et al. (2021) gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Heilung oder krankheitsmodifizierenden Medikamente für Betroffene einer Handarthrose. Die „Europa League against Rheumatism“, kurz EULAR genannt, empfiehlt im ersten Schritt der Behandlung von Handarthrosen eine nicht-pharmakologische (konservative) Therapie, welche bei Bedarf durch pharmakologische und/ oder chirurgische Optionen ergänzt werden kann (Kloppenburg et al., 2019).

Der Schwerpunkt der bisherigen Literatur im Bereich der Rhizarthrose liegt in der Erforschung der Schmerz- und Funktionseinschränkungen (Aebischer et al., 2016). Durch die Einschränkungen hat die Rhizarthrose aber auch Auswirkungen auf die unterschiedlichen Aspekte, die den Menschen als handelndes Wesen (in der Ergotherapie und Handlungswissenschaft: Occupational Being) ausmachen beziehungsweise beeinflussen (Kielhofner et al., 2005; Wilcock, 1993). Den Auswirkungen auf den Alltag von Betroffenen wurde bis zum jetzigen Zeitpunkt in der Literatur nur wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Menschen haben das Bedürfnis ihre Zeit Sinn stiftend zu nützen und sich durch alltägliche, individuell bedeutsame Handlungen zu verwirklichen (Kielhofner et al., 2005). Zudem kommt hinzu, dass jeder Mensch einem sozialen System angehört und verschiedene Handlungsrollen ausführt. Durch die verschiedenen Handlungsrollen wirken die Menschen an der Gesellschaft mit und können am Zusammenleben teilhaben (Satink & Van de Velde, 2019). Gesundheit gilt als wichtige Voraussetzung, um den verschieden Rollenanforderungen im Alltag gerecht zu werden (Costa et al., 2016).

Zielsetzung dieser Arbeit war es, aus Sicht von Betroffenen zu erfahren, inwiefern die Rhizarthrose Auswirkungen auf ihren Alltag hat. Im Speziellen sollten wahrgenommene Einschränkungen bzw. Veränderungen im alltäglichen Leben sowie Auswirkungen auf die verschiedenen Handlungsrollen erhoben werden.

Methodische Vorgehensweise

Für die Bearbeitung der Forschungsfrage wurde ein explorativer, qualitativer Zugang gewählt. Die Darstellung der subjektiven Perspektive von Betroffenen einer Rhizarthrose wurde durch den qualitativen Zugang ermöglicht und konnte so zur Schwerpunktsetzung der Arbeit beitragen.

Zum Einsatz kam eine nicht probabilistische Stichprobe in Form einer Gelegenheitsstichprobe („convenience Sample“). Die Teilnehmer:innengewinnung fand im Zeitraum Dezember 2022 bis März 2023 statt und erfolgte über zwei Ärzte im Raum Kärnten.

Als Datenerhebungsinstrument wurden der Interviewleitfaden und Kurzfragebogen für die problemzentrierten Interviews, angelehnt an Witzel (2000), eingesetzt. Zudem wurde die Rollencheckliste aus dem Model of Human Occupation (MOHO) durchgeführt, um von den Teilnehmer:innen vergangene, aktuelle und gewünschte Handlungsrollen zu identifizieren.

Die erhobenen Daten wurden im Nachgang ad verbatim von der Forscherin transkribiert, im Sinne der kommunikativen Validierung den Teilnehmer:innen der Studie zu Verfügung gestellt, sowie im Anschluss induktiv und deduktiv inhaltsanalytisch  nach Elo und Kyngäs (2008) ausgewertet. Zur Hilfestellung wurde die Analyse-Software MAXQDA 2020 für die qualitative Datenanalyse in der Pro Version verwendet. Die Konzeption der Forschungsarbeit orientierte sich stets an den ethischen Prinzipien der Deklaration von Helsinki (Word Medical Association, 2013). Zudem erteilte das Research Committee for Scientific and Ethical Questions (RCSEQ) der Privatuniversität UMIT, Hall in Tirol und der fhg- Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH sowie die Ethikkommission Kärnten ohne Einwände die Genehmigung zur Durchführung der Studie.

Ergebnisse

Insgesamt konnten sechs Teilnehmer:innen, vier Frauen und zwei Männer im Alter von 53 bis 81 Jahren, für die Studie gewonnen werden. Die Mehrzahl der Teilnehmer:innen befand sich zum Zeitpunkt der Erhebung in Pension, nur zwei Teilnehmer:innen waren berufstätig. Im Kurzfragebogen gaben vier Teilnehmer:innen an, bereits Therapie bezüglich ihrer Rhizarthrose in Form von Ergotherapie, Physiotherapie, Medikamenten oder Bandagen erhalten zu haben. Die restlichen zwei Teilnehmer:innen wurden zwar von ihren Ärzt:innen über die chirurgischen Optionen bei Rhizarthrose aufgeklärt, bekamen aber keine näheren Informationen bezüglich konservativer Therapieformen.

In den Interviews wurde deutlich, dass die Teilnehmer:innen die Auswirkungen ihrer Erkrankung auf den Alltag insbesondere im Zuge von Einschränkungen und Veränderungen in den Lebensbereichen Selbstversorgung sowie Freizeit wahrnahmen. Hierbei berichteten sie unter anderem über Einschränkungen beim Verrichten des Haushalts, bei der Zubereitung von Essen und Getränken sowie beim An- und Ausziehen eines Kleidungsstücks. In ihrer Freizeit hatten sie aufgrund der Rhizarthrose Schwierigkeiten beim Verrichten von verschiedenen sportlichen Betätigungen, beim Spielen eines Musikinstrumentes sowie beim Basteln mit den Enkelkindern. Des Weiteren gaben einige Teilnehmer:innen an, Unterstützung im Alltag durch eine:n Familienangehörige:n, durch eine Reinigungskraft oder durch eine:n Bekannte:n zu bekommen.

Die Auswirkungen einer Rhizarthrose auf die verschiedenen Handlungsrollen wurde in den Interviews weiters deutlich, als die Teilnehmer:innen über Einschränkungen in ihren Handlungsrollen als Freund:in, Hobbytreibende:r, Hausfrau:mann, Berufstätige:r, aber auch in der Rolle als Familienmitglied, berichteten. Hierbei ist es insbesondere die Rolle als Großmutter:Großvater, welche eingeschränkt ist. Das Wickeln, Anziehen oder Aufheben eines Kindes ist durch die Rhizarthrose nur mehr bedingt möglich.

 

Diskussion

Neben den Einschränkungen und zum Teil auch Veränderungen im Bereich der Selbstversorgung nehmen die Teilnehmer:innen insbesondere Auswirkungen im Lebensbereich Freizeit und daraus resultierend auch in der Rolle als Hobbytreibend:er, wahr. Betätigungen, welche dem Lebensbereich Freizeit zugeordnet werden können, dienen laut Costa (2012) u.a. auch der Gesunderhaltung des eigenen Körpers sowie der Pflege sozialer Netzwerke. Eine Einschränkung in diesem Bereich betrifft demzufolge nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe. Laut Christiansen und Baum (2005) beeinflussen Gesundheit, Aktivität (Handlung/ Betätigung) und Partizipation einander und können nicht einzeln betrachtet werden. Zudem leben Menschen laut Glass et al. (1999, S. 478) nachweislich länger gesund, wenn sie in der Lage sind das zu tun, was ihnen wichtig ist.

Des Weiteren gaben einige Teilnehmer:innen im Interview an, sofern notwendig, Unterstützung im Alltag durch eine:n Familienangehörige:n oder durch eine:n Bekannte:n zu bekommen. Laut dem Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2018) hat eine chronische, degenerative Erkrankung und die darauffolgende Pflege oft Konsequenzen für den betroffenen Menschen selbst, aber auch für die gesamte Familie. Angesichts der Erkrankung sind Familien gefordert, sich immer wieder zu verändern, Rollen neu zu verteilen und den Alltag beziehungsweise das Familienleben neu zu gestalten.

In Anbetracht der bisherigen Literatur, indem der Schwerpunkt der Rhizarthrose vorwiegend im Bereich der Schmerz- und Funktionsfähigkeit liegt (Aebischer et al., 2016), wurde durch die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Forschungsarbeit deutlich, dass von Rhizarthrose Betroffene über diese hinaus Auswirkungen auf ihren Alltag und ihre verschiedenen Handlungsrollen beschreiben. Ausgehend davon ist, ergänzend zum in der Literatur bis dato vorkommenden bottom-up Ansatz, zukünftig ein top-down Ansatz vorzuschlagen. Im von Costa (2014) beschriebenen KRAH®-Ansatz wird eine integrierte Vorgangsweise von bottom-up und top-down und Responsivität je nach Sinnhaftigkeit und Handlungs- und Partizipationsbedürfnissen bzw. – erfordernissen der Klient:innen empfohlen. Ausgehend davon sollten Ergotherapeut:innen in der Praxis, neben den schmerz- und funktionsorientierten Befundungsinstrumenten, auch betätigungsorientierte Assessments – wie beispielsweise die Rollencheckliste oder das Betätigungsprofil – bei von Rhizarthrose Betroffenen in Betracht ziehen.

Literatur

Aebischer, B., Elsig, S. & Taeymans, J. (2016). Effectiveness of physical and
occupational therapy on pain, function and quality of life in patients  with
trapeziometacarpal osteoarthritis – A systematic review and meta-analysis.
Hand therapy, 21(1), 5–15. https://doi.org/10.1177/1758998315614037

AWMF. (2018). Gonarthrose: S2k- Leitlinien.
https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033004l_S2k_Gonarthrose_2018-
01_1-verlaengert_01.pdf

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz.(2018).
Angehörigenpflege in Österreich. Einsicht in die Situation pflegender
Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke.
https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId =664

Christiansen, C. & Baum, C. (Hrsg.). (2005). Occupational therapy: Performance,
participation, and well-being (3rd ed.). Slack.
http://www.estreams.com/es0806_7/es0867_4201.html

Costa, U., Pasqualoni, PP. & Wetzelsberger, B. (2016). Betätigungsgerechtigkeit als
Dimension gesundheitlicher Chancengerechtigkeit:
Handlungswissenschaftliche Zugänge: 126 – Gesundheitliche
Chancengerechtigkeit – Brücken bilden für Gesundheit und Lebensqualität
vulnerabler Gruppen im österreichischen Kontext.

Costa, U. (2012). Freiheit und Handlung- Handlungsfreiheit.: Eine
handlungswissenschaftliche Betrachtung. In C. Sedmak (Hrsg.), „Freiheit“.
Freiheit: Vom Wert der Autonomie: Grundwerte Europas. WBG Reihe „Werte
Europas“ (2. Aufl., S. 51–76). Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Costa, U. (2014). Sinnvolle Handlungen als Gesundheit fördernder Wirkfaktor.:
Ergebnisse KRAH®- basierter Therapie für Kinder mit Schwierigkeiten in der
Handlungsperformanz. ergoscience, 9(2), 46–56. doi: 10.2443/skv-s-2014-
54020140201

Elo, S. & Kyngäs, H. (2008). The qualitative content analysis process. Journal of
advanced nursing, 62(1), 107–115. https://doi.org/10.1111/j.1365
2648.2007.04569.x

Glass, T. A., Leon, C. M. de, Marottoli, R. A. & Berkman, L. F. (1999). Population
based study of social and productive activities as predictors of survival among
elderly Americans. BMJ (Clinical research ed.), 319(7208), 478–483.
https://doi.org/10.1136/bmj.319.7208.478

Grünecker, C. (2014). Effect of acupuncture on pain intensity and grip strength in
symptomatic rhizartrosis: prospective, randomized, non-blindes clinical study
with waitinglist design.
https://repositorioaberto.up.pt/bitstream/10216/77928/2/33954.pdf

Kielhofner, G., Marotzki, U. & Mentrup, C. (2005). Model of human occupation
(MOHO): Grundlagen für die Praxis. Ergotherapie – Reflexion und Analyse.
Springer.

Kloppenburg, M., Kroon, F. P., Blanco, F. J., Doherty, M., Dziedzic, K. S., Greibrokk,
E., Haugen, I. K., Herrero-Beaumont, G., Jonsson, H., Kjeken, I., Maheu, E.,
Ramonda, R., Ritt, M. J., Smeets, W., Smolen, J. S., Stamm, T. A.,
Szekanecz, Z., Wittoek, R. & Carmona, L. (2019). 2018 update of the EULAR
recommendations for the management of hand osteoarthritis. Annals of the
rheumatic diseases, 78(1), 16–24. https://doi.org/10.1136/annrheumdis-2018-
213826

Satink, T. & Van de Velde, D. (2019). Kerndomänen in der Ergotherapie. In M. Le
Granse, M. van Hartingsveldt & A. Kinebanian (Hrsg.), Grundlagen der
Ergotherapie. Georg Thieme Verlag.

Wilcock, A. (1993). A theory of the human need for occupation. Journal of
Occupational Science, 1(1), 17–24.
https://doi.org/10.1080/14427591.1993.968637

Witzel, A. (2000). The Problem-centered Interview. Vorab-Onlinepublikation.
https://doi.org/10.17169/fqs-1.1.1132 (Forum Qualitative Sozialforschung /
Forum: Qualitative Social Research, Vol 1, No 1 (2000): Qualitative Research:
National, Disciplinary, Methodical and Empirical Examples).

World Medical Association. (2013). WMA declaration of Helsinki – ethical principles
for medical research involving human subjects. https://www.wma.net/policies-
post/wma-declaration- of-helsinki-ethical-principles-for-medical-research-
involving-human-sub

Abbildungen

 

Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: