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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 51907694
Autor: Maria Koch,
Telefon: 004917672212707
E-Mail: mail@hebammemaria.com

Affiliation:

Hebamme, Luisenhospital, Boxgraben 99, 52064 Aachen, DE

Studiengang: Advanced Practice Midwifery
Forschungsbereich: Advanced Practice Midwifery

Implizite Aspekte der interprofessionellen Geburtsbegleitung aus ärztlicher Perspektive

Schlagwörter: implizite Aspekte, interprofessionelle Zusammenarbeit, Geburtsbegleitung, handlungsleitende Faktoren, Ärzt*innen der Gynäkologie und Geburtshilfe, Hebammen

Einleitung

Die Geburt erfordert als komplexes Ereignis im vorherrschenden Modell des ärztlich geleiteten Kreißsaales eine anspruchsvolle Zusammenarbeit von Ärzt*innen und Hebammen im Rahmen der interprofessionellen Geburtsbegleitung. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzt*innen und Hebammen wird von mannigfaltigen Faktoren beeinflusst. Die in 2020 publizierte S3-Leitlinie ,,Vaginale Geburt am Termin‘‘ zeigt, dass die theoretische Zusammenarbeit gut funktioniert, jedoch gestaltet sich die Kooperation in der Praxis meist komplexer [1]. Hebammen fühlen sich häufig von der ärztlichen Handlungsdynamik in ihrer geburtshilflichen Begleitung eingeschränkt. Die Zusammenarbeit der beiden Professionen ist von einem historisch gewachsenen Konflikt geprägt, dem komplementäre Sichtweisen auf den Geburtsprozess zugrunde liegen: der pathogenetische Ansatz der Ärzt*innen und die salutogenetische Ausrichtung der Hebammen [2]. Die komplementären Orientierungen scheinen unvereinbar dualistisch und werden den Professionen als unüberwindbare Immanenz zugesprochen. Die interprofessionelle Zusammenarbeit ist von weiteren konfliktbehafteten Dynamiken geprägt, die zu unerwünschten geburtshilflichen Ereignissen sowie einer Minderung der Arbeitszufriedenheit führen können. Hierzu wurde bislang nur die Sichtweise der Hebammen erforscht [3–6].

Es ist nicht bekannt, welche impliziten Faktoren handlungsleitend in der ärztlichen Geburtsbegleitung und in der interprofessionellen Zusammenarbeit sind. Die Bezeichnung implizit meint hierbei indirekt sowie auch zugrundeliegend. Die implizite Dimension ist für das Arbeitshandeln unverzichtbar und ist meist nicht direkt artikulierbar. Kind und Hilber beschreiben die implizite Dimension anhand eines prägnanten Beispiels: ,,Solange wir die Aufmerksamkeit beim Lesen und Hören […] eines Satzes auf ein einzelnes Wort richten, verstehen wir den Sinn des Satzes nicht.‘‘ [7: S. 5]. Vorhandene Studien setzen sich mit möglichen Optimierungsvorschlägen der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Ärzt*innen und Hebammen auseinander [8]. Deren Umsetzung scheitert im klinischen Alltag oftmals nicht nur an organisatorischen sowie strukturellen Hindernissen, sondern insbesondere auch an interaktionalen Dynamiken [9]. Bevor die Optimierungsansätze also greifen können, scheint zunächst ein tiefergehendes Auseinandersetzen mit den zugrundeliegenden Aspekten notwendig, um die Dynamiken der interprofessionellen Zusammenarbeit besser verstehen zu können. Die interprofessionelle Zusammenarbeit und die Bedeutung der impliziten Dimension der Zusammenarbeit werden im theoretischen Hintergrund der Masterarbeit genauer beschrieben.

Die Arbeit untersucht die zugrundeliegenden Dynamiken sowie impliziten Aspekte der interprofessionellen Geburtsbegleitung im deutschsprachigen Raum, um diese besser verstehen und somit zielgerichteter optimieren zu können. Dabei konzentriert sich die Arbeit auf die ärztliche Perspektive, da diese bislang unzureichend vertreten ist. Sie erforscht zudem, wie die Ärzt*innen die interprofessionelle Zusammenarbeit mit Hebammen empfinden und welche Faktoren die ärztliche Geburtsbegleitung beeinflussen.

Aus dem vorliegenden Forschungsinteresse ergeben sich folgende Forschungsfragen:

  1. Wie empfinden die Ärzt*innen die interprofessionelle Zusammenarbeit mit Hebammen bei der Geburtsbegleitung?
  2. Was sind die impliziten Aspekte und zugrundeliegenden Dynamiken der ärztlichen Geburtsbegleitung sowie die der interprofessionellen Geburtsbegleitung mit Hebammen aus ärztlicher Perspektive?

Methodische Vorgehensweise

Die nachstehende Abbildung 1 gibt einen ersten Überblick über den erfolgten Forschungsprozess der Masterarbeit.

[Abbildung 1]

Abbildung 1: Darstellung des Forschungsprozesses

Da die Literaturrecherche mittels eines Scoping Reviews in den Datenbanken Cochrane Library, EBSCOhost, Pubmed sowie ScienceDirect eine Forschungslücke zu den beschriebenen Fragestellungen zeigte, erfolgte eine empirische Datenerhebung. Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde ein primär qualitativer Forschungsansatz heranzogen, der sich aus einem hybriden Fokusgruppenansatz zusammensetzt [10]. Für diese Methodentriangulation wurde ein Online-Survey mit quantitativen und qualitativen Elementen sowie zwei leitfadengestützte Online-Fokusgruppen mit einem qualitativen Ansatz durchgeführt. Nach erfolgtem Pretest des Surveys wurden mit einem selektiven Sampling 14 Ärzt*innen der Gynäkologie und Geburtshilfe rekrutiert. Erforderliche Merkmale der Teilnehmer*innen waren: deutschsprechend, Ärzt*in in der gynäkologischen und geburtshilflichen Weiterbildung bzw. Turnusärzt*in oder mindestens Fachärzt*in für Gynäkologie und Geburtshilfe und aktiv in der Geburtshilfe im deutschsprachigen Raum tätig. Die Stichprobe setzte sich zusammen aus fünf Assistenzärzt*innen, zwei Fachärzt*innen, fünf Oberärzt*innen und zwei Chefärzt*innen aus Deutschland und Österreich.

Die Erhebung erfolgte aufgrund der Covid-19-Pandemie online über Questionstar und beinhaltete bereits die Informations-, Datenschutz- und Einwilligungserklärung sowie die Terminvergabe für die Online-Fokusgruppen. Neben den soziodemographischen Daten, der Berufserfahrung sowie dem Arbeitsumfeld, wurden die eigenen Einstellungen sowie Erfahrungen der Ärzt*innen bei der Geburtsbegleitung auch im Hinblick auf die interprofessionelle Zusammenarbeit mit Hebammen und die Gewichtung der Verteilung von Aufgaben sowie der Verantwortung bei der Geburtsbegleitung erfasst. Die Daten des Surveys wurden nach der Erhebung anonymisiert und deskriptiv ausgewertet. Anschließend fanden zwei Online-Fokusgruppen zu je ca. 90 Minuten mit jeweils 5 der Teilnehmer*innen über die Plattform Zoom statt. Zur Reduzierung von Bias nahm eine Protokollantin an den beiden Fokusgruppen teil. In den leitfadengestützten Fokusgruppen wurden zum Einstieg ausgewählte Ergebnisse des Surveys präsentiert und diskutiert. Die Auswertung erfolgte nach der anonymisierten Transkription durch die zusammenfassende Inhaltsanalyse nach Mayring [11].

Das Forschungsvorhaben wurde am 26. April 2021 im verkürzten Verfahren von dem Research Committee for Scientific Ethical Questions (RCSEQ) freigegeben.

Ergebnisse

Der Survey zeigte, dass die Ärzt*innen grundsätzlich mit der interprofessionellen Zusammenarbeit zufrieden sind. Die Ärzt*innen schätzten ihre eigene Geburtsbegleitung als abwartend ein und sie nannten als beeinflussende Faktoren ihres Handelns generelle sowie situative Rahmenbedingungen, Aspekte ihrer sozialen sowie operationellen Rolle und die unterschiedlichen Interaktionsebenen der Geburtsbegleitung. Diese umfassen sowohl die Interaktion mit den werdenden Eltern, als auch die Interaktion mit der Hebamme sowie die Interaktion zwischen den werdenden Eltern und der Hebamme.

Die Ärzt*innen formulierten Wünsche bezüglich der Gestaltung der Zusammenarbeit. Sie wünschten sich ein Wegkommen von berufsspezifischen Pauschalisierungen und eine respektvolles Miteinander. Gemeinsame Fortbildungen und Fallbesprechungen sowie interprofessionelle Simulationen sahen sie als wichtige Maßnahmen zur Förderung der Zusammenarbeit. Die Ärzt*innen nannten Ansprüche an die fachliche und personale Kompetenz der Hebamme und Wünsche bezüglich ihrer sozial-kommunikativen Kompetenz.

Ebenso wurde die Verteilung der Verantwortung bei der Geburtsbegleitung diskutiert. Aus der Perspektive der meisten Teilnehmer*innen lag die Verantwortung für die Unversehrtheit von Mutter und Kind eher in Händen der Ärzt*innen und die für das Geburtserleben der Frauen eher in Händen der Hebammen. Die Teilnehmer*innen waren größtenteils zufrieden mit ihrer wahrgenommenen Verteilung und es wurde deutlich, dass diese auf den Rollenverständnissen der Ärzt*innen beruht. Die Rollenverständnisse scheinen sich durch die unterschiedlichen Ausbildungen und die verschiedenen Aufgabenbereiche der Professionen zu formen. Zudem sahen sie die Hebammen verantwortlicher für das Geburtserleben der Frauen, da diese mehr Zeit im Kreißsaal mit den Frauen verbringen.

Zum Abschluss der Fokusgruppen diskutierten sie über einen möglichen Austausch berufsspezifischer Aufgaben der beiden Professionen. Zunächst zeigte sich, dass sie mit der aktuellen Verteilung zufrieden sind und nicht wesentlich etwas verändern wollen würden. Jedoch wurden einige Aufgaben genannt und die Teilnehmer*innen betonten, dass bei einem Blick über den Tellerrand beide Professionen voneinander lernen und profitieren könnten. Besonders die Assistenzärzt*innen äußerten den Wunsch, mehr vaginale Untersuchungen und Kindsentwicklungen durchführen zu können. Dies wurde von allen Ärzt*innen als wichtig für die Kompetenzentwicklung in der Fachärzt*inausbildung angesehen. Zudem kam das Thema auf, dass die Ärzt*innen bei physiologischen Geburten weniger anwesend sein könnten. Für die Hebammen konnten sich die Teilnehmer*innen vorstellen, dass sie häufiger die Nahtversorgung von kleineren Geburtsverletzungen und im Rahmen der Akademisierung auch vermehrt Ultraschalle durchführen könnten. Abschließend wurden Rahmenbedingungen genannt, die eine gelingende Implementierung der Ideen beeinflussen. Im Vordergrund der erforderlichen Rahmenbedingungen steht ein Einlassen auf den möglichen Aufgabenaustausch von beiden Seiten sowie die Entlastung von banalen Aufgaben beider Berufsgruppen.

Diskussion

Die Ergebnisse zum ärztlichen Empfinden der interprofessionellen Zusammenarbeit stimmen mit der wahrgenommenen Situation in der Praxis überein. Im Survey wurde die interprofessionelle Zusammenarbeit als grundsätzlich positiv bewertet und erst in den Fokusgruppen offenbarte sich ein psychosoziales Spannungsfeld der interprofessionellen Geburtsbegleitung. Transprofessionelle Tendenzen in der gemeinsamen Geburtsbegleitung führen zu einer Verantwortungsdiffusion sowie zu Rollenkonflikten. Als wichtige Dynamik der ärztlichen Geburtsbegleitung zeigte sich ein durch den steigenden forensischen Druck großes Sicherheitsbedürfnis, dass durch Vertrauen in die Hebamme oder ersatzweise durch Kontrolle erfüllt wird. Zudem zeigten sich Vorbehalte gegenüber der Sicherheitsverantwortung von Hebammen. Hier werden die, bereits in den unterschiedlichen Ausbildungen geformten, berufsspezifischen Zugängen zur Geburt sowie die Intra- und Interobserver-Variabilität als wichtige implizite Aspekte gesehen. Sie beeinflussen die Beurteilung von geburtshilflichen Situationen und können eine gemeinsame Konsensfindung beeinträchtigen. Bei allen genannten Aspekten zeigte sich eine gute Kommunikation als Grundlage einer gelingenden Zusammenarbeit.

Das nachstehende Eisbergmodell veranschaulicht zusammenfassend die essentiellen impliziten Aspekte der interprofessionellen Geburtsbegleitung aus ärztlicher Perspektive. Dabei verkörpert die interprofessionelle Geburtsbegleitung als solche die explizite, sichtbare Spitze des Eisberges. Unter der Wasseroberfläche befinden sich die impliziten Aspekte, die der interprofessionellen Geburtsbegleitung innewohnen. Zudem sind die im Ergebnisteil bereits beschriebenen drei Kategorien der zugrundeliegenden handlungsleitenden Faktoren der ärztlichen Geburtsbegleitung abgebildet. Die genauen Zusammenhänge und Hintergründe werden in der Diskussion der Masterarbeit erläutert.

[Abbildung 2]

Abbildung 2: Eisbergmodell der impliziten Aspekte der interprofessionellen Geburtsbegleitung aus ärztlicher Perspektive

Um die professionelle Intra- und Interobserver-Variabilität möglichst gering zu halten und die interprofessionelle Zusammenarbeit zu verbessern, sind gemeinsame Aus- und Fortbildungen essentiell. Jedoch werden nicht vollständig kontrollierbare menschliche Faktoren immer einen impliziten und teilweise dualistischen Einfluss auf die Intra- und Interobserver-Variabilität haben und können somit einen vollständigen gemeinsamen Konsens beeinträchtigen. Dies gilt es zu reflektieren und zu akzeptieren, um interprofessionelle Spannungen mindern zu können. Um diese Faktoren kommunizieren und integrieren zu können, sollte das Vertrauen zwischen den Teammitgliedern gezielt gestärkt werden. Es bleibt jedoch offen, ob dies zu einer Verbesserung ihrer Interaktion beitragen kann und es wird eine Reevaluation der Zusammenarbeit in Betracht gezogen. Hierzu bedarf es umfassender Forschung, um die Gestaltung und Intensität der Zusammenarbeit bei der Geburtsbegleitung an den Bedarf beider Professionen zu adaptieren.

Literatur

[1]       Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.: S3 Leitlinie: Vaginale Geburt am Termin, 2020.

[2]       Marjorie Tew: Sichere Geburt?, 3. Auflage Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag, 2012.

[3]       Jeanne Marie Guise & Sally Segel: Teamwork in obstetric critical care, Best practice & research. Clinical obstetrics & gynaecology 22(5) (2008): 937–951, doi:10.1016/J.BPOBGYN.2008.06.010.

[4]       Katie Cornthwaite, Sian Edwards & Dimitrios Siassakos: Reducing risk in maternity by optimising teamwork and leadership: an evidence-based approach to save mothers and babies, Best practice & research. Clinical obstetrics & gynaecology 27(4) (2013): 571–581, doi:10.1016/J.BPOBGYN.2013.04.004.

[5]       Sandra Kabakis, Petra Gorschlüter & Claudia Hellmers: Arbeitszufriedenheit bei angestellten Hebammen, Die Hebamme 25(01) (2012): 60–63, doi:10.1055/S-0031-1286157.

[6]       Katja Stahl & Caroline J. Agricola: Interprofessional collaboration from the perspective of midwives, Public Health Forum 29(2) (2021): 166–169, doi:10.1515/pubhef-2021-0026.

[7]       Rebecca Kind & Rosina Hilber: Implizites Wissen- the tacit dimension. https://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:QBVr5bwu9CsJ:https://www.uibk.ac.at/psychologie/mitarbeiter/leidlmair/implizites_wissen_ss2006.pdf+&cd=2&hl=de&ct=clnk&gl=de&client=safari . Version: 24.02.2021.

[8]       Soo Downe, Kenny Finlayson & Anita Fleming: Creating a collaborative culture in maternity care, Journal of midwifery & women’s health 55(3) (2010): 250–254, doi:10.1016/J.JMWH.2010.01.004.

[9]       Sebastian Gurtner & Miriam Wettstein: Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen – Anreize und Hindernisse in der Berufsausübung, Berner Fachhochschule Departement Wirtschaft Institut Unternehmensentwicklung (2019).

[10]     Maren Schulz, Birgit Mack & Ortwin Renn (Hrsg.): Fokusgruppen in der empirischen Sozialwissenschaft. Von der Konzeption bis zur Auswertung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012.

[11]     Philipp Mayring: Qualitative Inhaltsanalyse, Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (2010): 601–613, doi:10.1007/978-3-531-92052-8_42.

Abbildungen

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Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: