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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 1840062007
Autor: Christoph Schullern-Schrattenhofen,
Telefon: +4367683144273
E-Mail: christoph.schullern@roteskreuz-innsbruck.at

Affiliation:

DGKP-Intensiv
Sanatorium Kettenbrücke Innsbruck

Studiengang: MBA
Forschungsbereich: Organisation, Gestaltung und Organisationsentwicklung

Gesundheitshotline 1450: Potenziale in städtischen Gebieten Niederösterreichs.
Eine retrospektive Analyse.

Schlagwörter: Gesundheitshotline 1450, Telefontriage, Gesundheitsberatung, Callcenter, Point of Care

Einleitung

Der demographische Wandel und die Modifizierungen des Lebensstils in den industrialisierten Staaten stellen die Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen. Die zeitliche Verfügbarkeit an medizinische Dienstleistungen, die Verwendung technischer Hilfsmittel zur Informationsbeschaffung und der Lebensrhythmus haben sich verändert. Der Wunsch der Menschen ist eine 24-Stunden-Verfügbarkeit an fachlich kompetenten medizinischen Informationen und Behandlungsoptionen. Die schnelle Beschaffung fraglich qualifizierter medizinischer Informationen über das Internet, führen in der Bevölkerung nicht zu mehr Gesundheitskompetenz (engl. „health literacy“), sondern eher zu Verunsicherung (Braga 2017: 93 ff.). Erhebungen im Rahmen des European Health Literacy Survey (HLS-EU) ergaben, dass in Europa 47,6% der Personen eine limitierte (=inadäquate und problematische) Gesundheitskompetenz aufweisen (Sørensen et al. 2015: 1055). In Österreich beträgt, nach zusätzlich erhobenen Daten, der Anteil 51,6% für eine limitierte Gesundheitskompetenz (Pelikan et al. 2013: 43 f.). Neben diesen Erhebungsdaten ist ein weiterer Indikator die Fallzahlsteigerungen in den Spitalsambulanzen, insbesondere in Notfallambulanzen von Krankenhäusern (Seeger et al. 2017: 510 ff.).

Ein möglicher Lösungsansatz sind triagierende Gesundheitshotlines (Hashiguchi 2020: 23). Die Anwendung von telefonischen Triage- und Beratungssystemen (TTAS) ist in vielen Ländern verbreitet. Das Ziel liegt meist darin für die Patienten/innen die bestmögliche Versorgungsstufe (best Point of Care) für das bestehende Problem zu eruieren (Schub 2018: 1 ff.). Länder wie Dänemark oder Großbritannien nutzen TTAS als Gatekeeping System zur aktiven Steuerung der Patientenströme (Roßbach-Wilk et al. 2019: 561 ff.). Für die in Österreich implementierte Gesundheitshotline 1450 (BMSGPK 2017: 3) liegt aus dem Pilotprojekt ein Evaluierungsbericht vor (Zuba 2020: 1 ff.). Da die flächendeckende Umsetzung der Gesundheitshotline 1450 erst im Jahr 2019 vollständig umgesetzt wurde, sind noch gewisse Unsicherheiten über mögliche Auswirkungen und Folgen zu spüren. Die vorliegende Masterarbeit setzt hier an.

Der Froschungsfrage „Welches Potenzial hat die Gesundheitshotline 1450 in Bezug auf die best Point of Care (POC) Vermittlung in städtischen Gebieten in Österreich?“ wird am Beispiel Niederösterreichs nachgegangen. Als Unterfragen sind zu klären:

  • welche POC Optionen können angeboten werden bzw. sind die Hauptzugewiesenen.
  • welche best POC ergeben sich für die zentralen Anrufgründe, in welchem Ausmaß decken diese den Bedarf ab.
  • welche Empfehlungen können für beobachtete Muster gebildet werden.

Methodische Vorgehensweise

Daten von 01.01.- 31.12.2019 von zwei städtischen Gebieten Niederösterreichs mit deren Top fünf Systemdiagnosen und fünf häufigsten best Point of Care pro Stadt wurden retrospektiv analysiert, deskriptiv und induktiv.

Ergebnisse

Die häufigsten fünf Anrufgründe unterscheiden sich je nach Stadt, es ergeben sich damit sechs in der Gesamtstichprobe (n=4376): Erbrechen (4,8%), Rückenschmerzen (3,0%), Schwindelgefühl/Drehschwindel (2,5%), abdominelle Schmerzen (2,4%), Brustschmerzen (1,5%) und Kopfschmerzen (1,4%). Für die genannten Symptomdiagnosen (n=682) sind die häufigsten Point of Care (POC) Zuweisungen der Rettungswagen Auftrag (35,0%), der Nachtarzt–141 (21,3%), die Notfallaufnahme (18,5%), der Arzt für Allgemeinmedizin (7,9%), der Wochenendbereitschaftsarzt (4,4%) und der Rettungswagen Einsatz (3,7%). Der absolute best POC ist der Rettungsdienst mit 38,7% (Rettungswagen Auftrag und Einsatz). In Kombination mit der Empfehlung eine Notfallaufnahme (18,5%) aufzusuchen ergibt sich ein hoher Anteil (57,2%) an durch den Rettungsdienst und die Krankenhausstruktur zu Versorgenden. Die best POC Zuweisungen decken in beiden Städten (Stadt A 89,8% / Stadt B 92,0%) in hohem Ausmaß die verfügbaren Versorgungspunkte in städtischen Gebieten ab.

Diskussion

Im Rahmen des Beratungsgespräches mit der Emergency Communication Nurse (ECN) ermittelt diese mit Hilfe der Software (Expertensystem) LowCode, des Herstellers Priority Dispatch, je nach Dringlichkeit eine entsprechende Versorgungsstufe, in Niederösterreich sind dies aktuell 43 POC Optionen. Auf die Einbindung der Dringlichkeitsstufe wurde im Methodenteil und der Ergebnisdarstellung bewusst verzichtet, was eine Limitation dieser Arbeit darstellt, aber zum Teil über den gewählten POC ersichtlich wird.

In der hier durchgeführten Auswertung liegt die Empfehlungsrate an die Gruppe-Primärversorgung (Arzt für Allgemeinmedizin, Nachtarzt-141, Wochenendbereitschaftsarzt) bei 33,6%. Im Evaluierungsbericht können 51,3% Point of Care Zuweisungen an diese Gruppe generiert werden (Zuba 2020: 8). Dies entspricht den Triagewerten (57,8% primary care) durch die englische Hotline NHS 111 (NHS England 2020: 1), wobei hier zu untersuchen wäre, welche Versorgungsmöglichkeiten explizit zur Primärversorgung zählen und ob dies deckungsgleich zu den hiesigen Bedingungen ist.

Da städtische Regionen untersucht wurden, ist davon auszugehen, dass sowohl Elemente des niedergelassenen als auch des stationären Sektors als POC gut möglich sind. Der geringe Anteil an Verweise auf die Primärversorgung überrascht daher. Die häufigsten fünf Beschwerdebilder der ausgewählten Städte scheinen einen stärkeren Bedarf an Triage Entscheidungen durch die ECN für den Rettungsdienst und die Krankenhausstruktur, wahrscheinlich auch aufgrund der nicht untersuchten Dringlichkeitseinstufung, zu erfordern, denn im Gegensatz zu den hier ermittelten Ergebnissen erreichen im Evaluierungsbericht, unter Berücksichtigung aller Symptomdiagnosen, die Notfallaufnahme 19,2% und der Rettungswagen 11,0% der Anteile (Zuba 2020: 8). Es ist jedoch auf struktureller Basis zu prüfen, ob tatsächlich Zeitpunkt und Dringlichkeit kausal für die ermittelten Ergebnisse verantwortlich sind.

Bei einzelnen Beschwerdebildern scheint eine umfassendere Zuweisung in den niedergelassenen Bereich möglich (Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, abdominale Schmerzen). Da die fünf häufigsten Anrufgründe nur 15,6% (n=682) aller dokumentierten Beratungsgespräche der Gesamtstichprobe ausmachen, sind weitere großzahlige Untersuchungen nötig. Die Analyse sollte ergänzt werden um eine Evaluierung der Dringlichkeitseinstufung und Prüfung welchen Einfluss der Zeitpunkt der Anrufenden einnimmt.

Literatur

Braga, Andrea Vincenzo: Die telemedizinische Konsultation. In: Mario A. Pfannstiel/ Patrick Da-Cruz/ Harald Mehlich (Hg.). Digitale Transformation von Dienstleistungen im Gesundheitswesen I. Impulse für die Versorgung. Wiesbaden: Springer Gabler, 2017, 93–108

Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK): Bundes-Zielsteuerungsvertrag. Zielsteuerung-Gesundheit für die Jahre 2017 bis 2021. Wien, 2017. https://​www.sozialministerium.at​/​Themen/​Gesundheit/​Gesundheitssystem/​Gesundheitsreform-​(Zielsteuerung-​Gesundheit)/​Zielsteuerungsvertrag-​2017-​bis-​2021.html: Zugriff 25.07.2020

Hashiguchi, Tiago Cravo Oliveira: Bringing health care to the patient: An overview of the use of telemedicine in OECD countries. OECD Publishing. 116. Paris, 2020. https://doi.org/10.1787/8e56ede7-en

National Health Service England (NHS England): NHS 111 Minimum Data Set, England, December 2019. https://​www.england.nhs.uk​/​statistics/​statistical-​work-​areas/​nhs-​111-​minimum-​data-​set/​nhs-​111-​minimum-​data-​set-​2019-​20/​: Zugriff 25.11.2020

Pelikan, Jürgen M/ Röthlin, Florian/ Ganahl, Kristin: Die Gesundheitskompetenz der österreichischen Bevölkerung – nach Bundesländern und im internationalen Vergleich. Abschlussbericht der Österreichischen Gesundheitskompetenz (Health Literacy) Bundesländer Studie. LBIHPR Forschungsbericht. Wien, 2013

Roßbach-Wilk, Elisabeth/ Beivers, Andreas/ Dodt, Christoph: Patientensteuerung von Notfallpatienten mit niedrigem Gesundheitsrisiko. Ein Vergleich fünf europäischer Länder. In: Notfall + Rettungsmedizin 22/7, 2019, 561–567

Schub, Tanja: Telephone Triage Service. Evidence-Based Care Sheet. CINAHL Nursing Guide EBSCO Publishing. Glendale, CA, 2018

Seeger, Insa/ Rupp, Peter/ Naziyok, Tolga et al.: Ambulante Versorgung in ZNA und Bereitschaftsdienstpraxis: Eine deskriptive Sekundärdatenanalyse in einer ländlichen Klinik. In: Medizinische Klinik, Intensivmedizin und Notfallmedizin 112/6, 2017, 510–518

Sørensen, Kristine/ Pelikan, Jürgen M./ Röthlin, Florian et al.: Health literacy in Europe: comparative results of the European health literacy survey (HLS-EU). In: European journal of public health 25/6, 2015, 1053–1058

Zuba, Martin: Gesundheitsberatung 1450. Ergebnisse der Evaluierung des Pilotprojekts, Gesundheit Österreich GmbH. Wien, 2020. https://​goeg.at​/​Evaluation_​1450: Zugriff 01.09.2020

Abbildungen

 

Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: