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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: Nicht bekannt
Autor: Mag. Petra Zettel,
Telefon: –
E-Mail: petra.zettel@hotmail.com

Affiliation:

Mitarbeiterin der Lebenshilfe Vorarlberg

Studiengang: Ergotherapie und Handlungswissenschaft
Forschungsbereich: Ergotherapie und Handlungswissenschaft

Junge Erwachsene mit kognitiver Behinderung und komplexen Problemstellungen im sozialen Kontext

Rahmenbedingungen einer Begleitung im institutionellen Kontext in Vorarlberg

Schlagwörter:

Einleitung

Junge Erwachsene mit Behinderung und komplexen Problemstellungen im sozialen Kontext sind zu einer neuen Zielgruppe in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen in Institutionen in Vorarlberg geworden.

Als junge Erwachsene mit kognitiver Behinderung gelten für die vorliegende Arbeit Personen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, mit der Diagnose leichte Intelligenzminderung (F.70) lt. ICD 10 (ICD 10, Version 2019). Die jungen Menschen haben psychisch sehr belastende Lebenssituationen und viele kommen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status. Der sozioökonomische Status bezeichnet verschiedene Merkmale von Lebensumständen einer Person. Dazu gehören u.a. Bildung, Beruf, Einkommen, Gesundheit, Wohnort und Eigentumsverhältnisse (vgl. BMFJ, 2016). Viele der jungen Erwachsenen haben kein stabiles familiäres Umfeld oder andere tragfähige soziale Beziehungen und wohnen schon seit der Kindheit bzw. frühen Jugend in betreuten Wohnformen. Bei manchen bestehen psychische Erkrankungen, manche haben keinen Schulabschluss, manche sind bereits straffällig geworden oder stark gefährdet straffällig zu werden, bei manchen ist Alkohol- und/oder Drogenmissbrauch ein Thema.

Die Begleitung der Personengruppe ist durch ihre Heterogenität und die vielfältigen, individuellen Problemstellungen derzeit in den bestehenden Angeboten nicht ausreichend gewährleistet. Die meisten der Jugendlichen haben schon mehrere Angebote verschiedener Sozialorganisationen in Vorarlberg durchlaufen, die Begleitung wurde meist nach kurzer Zeit wieder beendet. Immer wieder werden diese jungen Menschen nach etlichen Versuchen an die stationären und ambulanten Angebote (Wohn- und Arbeitsbereich) der Integrationshilfe Vorarlberg verwiesen.

Die Zielgruppe der jungen Menschen ist durch die Behinderung, die vielfältigen sozialen Problemen und dem meist niedrigen sozioökonomischen Status eine vulnerable Gruppe in unserer Gesellschaft (Fisher/Hotchkiss, 2008, S. 55). Das model of occupational empowerment (Fisher/Hotchkiss, 2008) geht davon aus, dass „disempowering environemts“ zum Verlust von bedeutungsvollen Tätigkeiten in allen Lebensbereichen, zu erlernter Hilflosigkeit und zu schlechten Gewohnheiten und einem ungesunden Lebensstil führen. Dies wirkt sich auf die Teilhabe an der Gesellschaft, die Lebensqualität und den Menschen als „occupational beeing“ (Wilcock, 2002) sowie die Entwicklung seiner Handlungsrollen aus.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, nähere Erkenntnisse darüber zu erlangen, welche Bedürfnisse an eine Begleitung und Betreuung im institutionellen Rahmen die jungen Erwachsenen mit Behinderung haben. Es wird untersucht, welche Rahmenbedingungen für eine Begleitung dieser Zielgruppe erforderlich sind. Um die beschriebene Zielsetzung zu beantworten, wird den folgenden Forschungsfragen nachgegangen:

  1. Welche Bedürfnisse an eine Begleitung im institutionellen Kontext haben junge Erwachsene mit kognitiver Behinderung und und vielfältigen Problemstellungen im sozialen Kontext?
  2. Welche Rahmenbedingungen sind erforderlich um eine passende Begleitung für junge Erwachsene mit Behinderung und vielfältigen Problemstellungen im sozialen Kontext im institutionellen Kontext, mit dem Ziel der Stabilisierung und längerfristige Begleitung anbieten zu können?

Methodische Vorgehensweise

Da es bei dieser Masterarbeit um individuelle Fragestellungen, persönliche Sichtweisen und Lebenserfahrungen der Beteiligten geht, wurde ein qualitatives Forschungsparadigma herangezogen (vgl. Bortz/Döring, 2016).

Um mehrere Perspektiven kennen zu lernen und unterschiedliche Aspekte auf das Thema gewinnen zu können, erfolgte eine Triangulation qualitativer Methoden auf verschiedenen Ebenen (vgl. Flick, 2011, S. 15). Es wurde die Perspektive der jungen Menschen selbst und von MitarbeiterInnen, die Erfahrungen mit der Zielgruppe haben, berücksichtigt. Die Daten aus Sicht der jungen Menschen wurden mittels der Methode des problemzentrierten Interviews nach Witzel (1985) erhoben. Die Ergebnisse aus der Analyse der Einzelinterviews wurden im Sinne der Methodentriangulation als Grundlage für die Vorbereitung des Moderationsleitfadens der Fokusgruppe mit den MitarbeiterInnen herangezogen. Die Auswertung der problemzentrierten Interviews orientierte sich an der vorgeschlagenen Fallanalyse nach Witzel (1985) und zusätzlich am Auswertungsprozess der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kukartz (2018). Bei der Analyse der Fokusgruppe wurde auf die vorgeschlagene Methode der Inhaltsanalyse nach Lamnek (2005) zurückgegriffen.

Mit drei jungen Erwachsenen der Zielgruppe wurden problemzentrierte Interviews geführt. Mit sechs MitarbeiterInnen der Caritas Vorarlberg wurde eine Fokusgruppe durchgeführt.

Ergebnisse

Die jungen Erwachsenen haben vor allem ein Bedürfnis nach vertrauensvollen Beziehungen und guter Unterstützung in für sie herausfordernden Situationen. Herausfordernde Situationen sind für sie beispielsweise Konflikte am Arbeitsplatz oder mit ihren Begleitpersonen. In unterschiedlichsten Situationen entsteht bei den jungen Erwachsenen ein Gefühl von Benachteiligung oder Misstrauen. Ratschläge oder das Nachfragen von Personen lösen das Gefühl aus kontrolliert zu werden. Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Behinderung oder das Wissen darüber, dass manches nicht möglich ist, macht traurig und wütend. Sie streben nach Selbständigkeit und wollen ihre Entscheidungen selbstbestimmt treffen.

Die MitarbeiterInnen erleben gerade das Streben nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit oft als schwierig, da dies im Rahmen ihres Begleitauftrages oder durch die institutionellen Strukturen nicht oder nur begrenzt möglich ist. Gespräche mit Begleitpersonen helfen den jungen Leuten in schwierigen Situationen, der zeitliche Rahmen spielt dabei eine große Rolle. Die jungen Erwachsenen brauchen in Notsituationen sehr schnell Unterstützung, zumindest telefonisch. Allerdings führt dieses Bedürfnis auch immer wieder zu Schwierigkeiten in der Begleitung, aufgrund zeitlicher/personeller Ressourcen oder struktureller Bedingungen. Eine besondere Herausforderung ist der Beziehungsaufbau zu den jungen Menschen. Die häufigen Beziehungsabbrüche haben dazu geführt, dass manche der jungen Menschen Fassaden aufgetaut haben, die nicht so leicht zu überwinden sind. Das Thema Beziehungsaufbau hängt auch eng mit personellen Ressourcen und der Teamkonstellation bzw. dem Austausch im eigenen Team und den Teams untereinander zusammen. Unterschiedliche Arbeitsweisen verschiedener Begleitpersonen und Fragen der Zuständigkeit für bestimmte Themen führen zu Unsicherheiten und Problemen in der Begleitung. Eine weitere Herausforderung in der Zusammenarbeit mit den jungen Menschen der Zielgruppe sind die Gruppenkonstellationen, bzw. die gruppendynamischen Prozesse die sich ergeben können.

Manchmal reagieren die jungen Menschen in für sie herausfordernden Situation nicht nur mit verbalen Äußerungen wie schimpfen oder schreien, sondern werden auch körperlich übergriffig gegenüber MitarbeiterInnen. Solche Situationen sind für die MitarbeiterInnen sehr belastend.

Die jungen Menschen bevorzugen ambulante Begleitstrukturen in eigenen Wohnungen oder kleinen Wohngemeinschaften und einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft. Sie begründen dies mit mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung, sie haben das Gefühl „der eigene Chef“ zu sein. Ein Arbeitsplatz bringt viele Herausforderungen mit sich, ist aber für die jungen Erwachsenen wie das eigenständige Wohnen mit Selbständigkeit verbunden. Sie sind stolz einen Arbeitsplatz zu haben, eigenes Geld zu verdienen und Teil eines Teams zu sein.

Erforderliche Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für eine gute Begleitung aus Sicht der MitarbeiterInnen sind unter anderem ein guter Personalschlüssel, qualifiziertes Personal und eine starke Leitung, ein interdisziplinärerer fachlicher Austausch, sowie eine verlässliche Zusammenarbeit mit dem Fördergeber. Die derzeitige Zuweisungspraxis des Fördergebers (Land Vorarlberg, Integrationshilfe) wird kritisch gesehen. Der Fördergeber weist aufgrund von Gutachten und Diagnosen zielgruppenspezifisch zu den Institutionen zu. Die Angebote sind nicht immer passend oder ausreichend.

Diskussion

Die jungen Menschen haben einerseits ein Bedürfnis nach Unterstützung und Begleitung, besonders in schwierigen Situationen und andrerseits nach größtmöglicher Unabhängigkeit und Selbständigkeit. In für die jungen Erwachsenen schwierigen Situationen oder Notlagen, brauchen sie sehr rasch Unterstützung und erwarten sich umfassende Hilfestellung. Die jungen Menschen erleben sich in solchen Momenten als handlungsunfähig und bedroht. Andrerseits sind sie sehr auf ihre Selbständigkeit und Freiheit bedacht und lassen sich in ihren Handlungen nicht gerne einschränken. In der Literatur werden personenzensierte Ansätze als besonders hilfreich beschreiben, um Menschen in ihren Bedürfnissen gut unterstützen zu können. Personenzentrierte Begleitansätze, setzen an den Fähigkeiten und Ressourcen an und nehmen „die gesamte Lebenssituation jenseits des auffälligen Verhaltens in den Blick“ (Theunissen/Kulig, 2019, S. 61). Eine personenzentrierte Begleitung bedeutet, dass die Person im Fokus der Begleitung steht und nicht die institutionellen Möglichkeiten und Gegebenheiten. Es geht um die Person mit ihren individuellen Fähigkeiten im Kontext ihrer Lebensumstände. Personenzentriertes Arbeiten zielt auf größtmögliche Selbständigkeit und Selbstbestimmung ab (vgl. Krammer, 2012).

Aus handlungswissenschaftlicher Sicht, werden Handlungsmöglichkeiten entscheidend von der eigenen Geschichte beeinflusst. „Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen sind sowohl von seinen Anlagen, seiner Konstitution, seinen Begabungen, als auch von seiner Biographie und Sozialisation beeinflusst“ (Costa, 2012, S. 53). Als Gründe für Handlungsunfähigkeit können erlernte Hilflosigkeit und fehlende Möglichkeiten des Umgangs mit Schwierigkeiten sowie unpassende Umgebungen (disempowering environments) genannt werden.

Die MitarbeiterInnen sind ein wichtiger Schlüssel in der Begleitung der Menschen der Zielgruppe. Hierbei sind mehrere Ebenen zu berücksichtigen – die persönlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen der MitarbeiterInnen, der Personalschlüssel bzw. die vorhandenen personellen Ressourcen und die Bezahlung. Personen die mit Menschen der Zielgruppe arbeiten, müssen neben einer guten Ausbildung im Sozialbereich vor allem persönliche Eigenschaften mitbringen. Die Fähigkeiten der MitarbeiterInnen durch Wertschätzung und Empathie eine gute Beziehung aufzubauen sind entscheidend für eine Veränderung in der Wahrnehmung der jungen Menschen von sozialer Unterstützung (vgl. Giertz/Gervink, 2017). Ein ständiger Austausch im Team und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Fachpersonen und -stellen sind unerlässlich für eine gute Begleitung (Theunissen/Kulig, 2019). Ebenso ist die Unterstützung durch die Institution und ein stärkender Umgang durch die Leitung besonders beim Thema Gewalt/körperliche Übergriffe als Schlüssel für eine Begleitung der Personengruppe zu sehen. Eine stabile Personalbesetzung und eine personenzentrierte Haltung und Arbeitsweise sind eine unbedingte Voraussetzung für die Arbeit mit der Zielgruppe (Theunissen/Kulig, 2019).

All diese Maßnahmen erfordern auch eine Änderung der Zuweisungspraxis des Fördergebers und der Finanzierung und eine Veränderung der Angebotslandschaft der Institutionen. Die strikte Trennung der Zielgruppen der Integrationshilfe Vorarlberg einerseits und die zielgruppenorientierten Angebote der Institutionen andererseits verhindern oft eine personenzentrierte Arbeitsweise.

Bei der Erarbeitung von neuen Angeboten für junge Erwachsene mit Behinderung und vielfältigen Problemstellungen im sozialen Kontext sind vor allem folgende Punkte zu beachten: Personenzentrierte Arbeitsweise und Biographiearbeit, ambulante vor stationärere Bergleitung, Gruppenkostalltionen beachten, personelle Ausstattung und interdisziplinäre Zusammenarbeit, Gewaltprävention, Finanzierung und Zusammenarbeit mit dem Fördergeber.

 

Literatur

BMFJ – Bundesministerium Frauen, Familie und Jugend (2016): Sozioökonomische und soziodemoraphische Determinanten von Gesundheit. Abgerufen am 15.10.2019: https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/2/8/3/CH3989/CMS1474300969368/athis_analyse_08092016_.pdf.

 

Bortz, J., Döring, N. (2016): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. 5. Auflage, Heidelberg: Springer Verlag.

 

Costa, U. (2012). Freiheit und Handlung – Handlungsfreiheit. Eine handlungswissenschaftliche Betrachtung. C. Sedmak (Hg.), Freiheit – vom Wert der Autonomie. Grundwerte Europas. WBG Reihe „Werte Europas“, Band 2 „Freiheit“ (S. 51-76). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

Fisher, G.S., & Hotchkiss, A. (2008): A Model of Occupational Empowerment for Marginalized Populations in Community Environment. Occupational Therapy in Health Care, 22(1), S. 55-71.

 

Flick, U. (2011): Triangulation. Eine Einführung. 3. aktualisierte Auflage. Wiesbaden VS Verlag für Sozialmedien.

 

Giertz, K., Gervink, T. (2017): „Systemsprenger“ oder eher PatientInnen mit einem individuelle und komplex Hilfebedarf? Psychotherapie Forum. Band 22, Nr. 4, S. 105-112.

 

Gromann, P. (2002): Der personenzentrierte Ansatz:Von einem institutions- zu einem personenzentrierten psychiatrischen Hilfesystem. FH Fulda. abgerufen am 17.07.2020: http://www.ibrponline.de/download/einfuehrung.pdf.

 

Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification, Version 2019. Abgerufen am 20.08.2019: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2019/index.htm.

 

Kukartz, U. (2018): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 4. Auflage, Weinheim/Basel: Beltz Verlag.

 

Lamnek, S. (2005): Gruppendiskussionen. Theorie und Praxis. 2. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Verlag.

 

Theunissen, G. Kulig, W. (2019): Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung und sogenannten herausfordernden Verhaltensweisen in Einrichtungen der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg. Ergebnisbericht. Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg.

 

Wilcock, A. (2002). A Theory of the Human Need for Occupation. Journal of Occupational Science, 9 (special issue), 3-9.

 

Witzel, A. (1985): Das problemzentrierte Interview. Jüttermann, G. (Hrsg): Qualitative Forschung in der Psychologie: Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder. Weinheim: Beltz Verlag, S. 227-255.

 

Abbildungen

 

Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: