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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 51907701
Autor: Rahel Wälte,
Telefon: 0041 79 732 75 82
E-Mail: rahel.waelte@hotmail.com

Affiliation:

Hebamme BSc, Gebärabteilung Universitätsspital Zürich, Schweiz

Studiengang: Advanced Practice Midwifery
Forschungsbereich: Advanced Practice Midwifery

INTERPROFESSIONELLE ZUSAMMENARBEIT IN DER BETREUUNG VON FRAUEN MIT PHYSISCHER BEHINDERUNG IN DER PERIPARTALZEIT

Eine qualitative Interviewstudie mit Gesundheitsfachpersonen

Schlagwörter: interprofessionelle Zusammenarbeit, Gesundheitsfachpersonen, peripartale Betreuung, Erleben, Frauen mit physischer Behinderung, Rückenmarksverletzung

Einleitung

Zwischen dem 19. Jahrhundert bis über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Menschen mit Behinderung als «untaugliche» Personen, deren Fortpflanzung es zu verhindern galt, bewertet [1]. Heutzutage entscheiden sich immer mehr Menschen mit Behinderung dafür, Eltern zu werden [2]. Zu dieser Trendwende könnte einerseits das im Jahre 2006 abgeschlossene Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung geführt haben [3]. Andererseits dürften die medizin-technischen Fortschritte ein weiterer Grund für die wachsende Anzahl von Eltern mit Behinderung darstellen [4]. Immer mehr Frauen mit physischer Behinderung überleben das Erwachsenenalter und viele von ihnen möchten Mutter werden [4]. Die Betreuung einer Frau mit physischer Behinderung gewinnt deshalb auch in der Geburtshilfe zunehmend an Bedeutung.

Der aktuelle Forschungsstand zeigt, dass in die peripartale Betreuung von Frauen mit physischer Behinderung mehrere Fachpersonen involviert sind [5] [6]. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Gesundheitsfachpersonen scheint sowohl aus Sicht der betroffenen Frauen als auch aus Sicht der Gesundheitsfachpersonen nicht immer zu funktionieren und wird teilweise als fragmentiert beschrieben [7]. In den bisher durchgeführten Studien werden vereinzelt Empfehlungen für die peripartale interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) abgeben [8] [9]. Wie diese Empfehlungen von den Gesundheitsfachpersonen umgesetzt und bewertet werden ist unklar. Die folgende Studie untersucht deshalb die Forschungsfrage wie die IPZ in der peripartalen Betreuung der Frau mit Rückenmarksverletzung von den Gesundheitsfachpersonen erlebt wird. Mit der Beantwortung dieser Forschungsfrage wird das Ziel verfolgt Praxisempfehlungen zu formulieren, welche die IPZ in der periparatalen Betreuung von Frauen mit physischer Behinderung stärken.

 

Methodische Vorgehensweise

Es wurden acht semistrukturierte Einzelinterviews mit Expert*innen durchgeführt. Als Expert*inne qualifizierten sich alle Gesundheitsfachpersonen, welche eine Frau mit Rückenmarksverletzung während oder ausserhalb der Peripartalzeit betreut haben. Für die Vergleichbarkeit der Studienergebnisse war es wichtig, dass die betreute Frau folgende Symptomatik aufwies:

  • komplette Gehunfähigkeit (voll auf Rollstuhl angewiesen)
  • fehlende Kontrolle von Blase und Darm

Ausgeschlossen wurden Experten*innen, bei denen die Betreuungssituation über zehn Jahre zurückliegt.

Die Interviews fanden persönlich oder virtuell via Microsoft Teams/Zoom oder telefonisch statt. Die Datenauswertung erfolgte deduktiv-induktiv in der Software MAXQDA nach der qualitativen strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2015).

Ergebnisse

Aus den Interviews geht hervor, dass sich negative Erlebnisse bezüglich IPZ vor allem auf den Beginn der Zusammenarbeit bezogen oder wenn die IPZ gar nicht erst zustande kam. Sobald sie jedoch einmal angelaufen war und die Zuständigkeiten geregelt waren, wurde die IPZ meistens positiv erlebt. Die gemeinsame Beurteilung des Betreuungs- bzw. Pflegeprozesses und respektvoll geführte Diskussionen wurden von den befragten Gesundheitsfachpersonen als bereichernd erlebt.

Zur Verbesserung der peripartalen IPZ in der Betreuung von Frauen mit physischer Behinderung sprachen die Proband*innen über die Themen Vernetzen, interprofessioneller Austausch/interprofessionelle Fortbildungen und Kontinuität.

Anhand der Studienergebnisse konnten Empfehlungen für die Stärkung der interprofessionellen peripartalen Zusammenarbeit in der Betreuung von Frauen mit physischer Behinderung formuliert werden. Diese gliedern sich nach den fünf Themen «Team & Teamarbeit», «Rolle und Verantwortlichkeiten», «Kommunikation», «Ethik und Werte» und «Verbesserungsvorschläge für die IPZ».

Diskussion

Wie in anderen deutschsprachigen Forschungsprojekten wurde auch in der vorliegenden Studie von den Gesundheitsfachpersonen das Bedürfnis nach IPZ geäussert [10] [11]. Warum sich die Gesundheitsfachpersonen trotz diesem Bedürfnis vor allem während der Schwangerschaft und Geburt nicht immer interprofessionell vernetzen, konnte mit dieser Untersuchung nicht abschliessend beantwortet werden. Denn im Gegensatz zu den Studienteilnehmenden von Bertschy et al. (2016) berichtete in der vorliegenden Studie lediglich eine Probandin über fehlende Kontakte. Eine mögliche Erklärung für die fehlende Vernetzung könnte der organisatorische Aufwand eines interprofessionellen Teams darstellen. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung deuten darauf hin, dass dies von den Gesundheitsfachpersonen als Mehraufwand wahrgenommen wird und es sich hierbei um einen unausgesprochenen Konflikt zwischen der Ärzte- und Pflegschaft handeln könnte. Wenn sich jedoch keine der Gesundheitsfachpersonen die Zeit nimmt bzw. sich in der Verantwortung sieht eine interprofessionelle Teamarbeit zu initiieren, könnte dies mit ein Grund dafür sein, warum die IPZ in der peripartalen Betreuung von Frauen mit physischer Behinderung oft nicht zustande kommt. Mit zukünftigen Forschungsprojekten könnte deshalb untersucht werden, warum sich die Gesundheitsfachpersonen trotz dem Bedürfnis nach Vernetzung während der Schwangerschafts- und Geburtsbetreuung einer Frau mit physischer Behinderung weniger vernetzen, als im Wochenbett. Möglicherweise könnten Antworten auf diese Frage helfen, die Vernetzung unter den Gesundheitsfachpersonen während der gesamten Peripartalzeit zu verbessern.

Zukünftige Forschungsprojekte, welche die IPZ im Gesundheitsbereich untersuchen, sollten ausserdem zu Beginn der Datenerhebung ermitteln, was die Proband*innen unter IPZ verstehen. Damit könnte eine grundlegende Forschungslücke zur IPZ geschlossen werden und dies könnte möglicherweise dazu beitragen, die Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich weiterzuentwickeln.

Diese Überlegungen zeigen, dass die Forschung zum Thema IPZ in der peripartalen Betreuung von Frauen mit physischer Behinderung längst noch nicht vollständig ist und zur Vergleichbarkeit der vorliegenden Studienergebnisse weitere Erhebungen notwendig sind.

Literatur

Literatur

[1]        Hartwig, Susanne: Behinderung. Kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart: J.B. METZLER, 2020, 1. Aufl.

[2]        National Council on Disability: Rocking the Cradle: Ensuring the Rights of Parents with Disabilities and Their Children. https://www.ncd.gov/publications/2012/Sep272012. Version: 12.12.2021

[3]        Schweizerische Eidgenossenschaft: Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung. https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2014/245/de. Version: 12.12.2021

[4]        Morton, Christina/Le, Joan T./Shahbandar, Lena/Hammond, Cassing/Murphy, Eileen A. & Kirschner, Kristi L.: Pregnancy Outcomes of Women With Physical Disabilities: A Matched Cohort Study. In: Physical Medicine and Rehabilitation 5, 2013, 90-98

[5]        Klassa, P. J. & Murphy, J.: A MULTIDISCIPLINARY APPROACH FOR CARE OF PREGNANT WOMAN WITH SCI:  Keeping the Patient as the Center of Care. AANLCP JOURNAL OF NURSE LIFE CARE PLANNING. VOL XV NO. 2, 2015, 822-827

[6]        Changfang, Y., Yongjuan, X., Li, D., Yan, L., Xiaoli, X. & Wengfeng, Y.: A term   vaginal delivery by a patient with traumatic tetraplegia. A case report. Medicine OPEN. 97, 2018, 16 – ff.

[7]        Hocaloski, S., Elliott S., Hodge, K., McBride K., Hamilton, L. & McBride C. et al.: Perinatal Care for Women with Spinal Cord Injuries: A Collaborative Workshop for Consensus on Care in Canada. Topics in Spinal Cord Injury Rehabilitation 23, 2017, 386-396

[8]        Hollenbach, P., Ruth-Sahd, L. & Hole, J: Management of the Pregnant Patient With Spinal Cordy Injury. Journal of Neuroscience Nursing. 52, 2020, 53-57

[9]        König-Bachmann, M., Zenzmaier, C. & Schildberger, B.: Health professionals’ views on maternity care for women with physical disabilities: a qualitative study. BMC Health Serv Res 19, 2019, 551, ff.

[10]      Mitra, Monika/Smith, Lauren D./Smeltzer, Suzanne C./Long-Bellil, Linda/Moring, Nechama Sammet & Iezzoni Lisa I.: Barriers to providing maternity care to women with physical disabilities: Perspectives from health care practitioners. In: Disabil Health J 10 (3), 2017, 445-450

[11]      Bertschy, Sue/Pannek, Jürgen & Meyer, Thorsten: Delivering care under uncertainty: Swiss provider’s experiences in caring for women with spinal cord injury during pregnancy and childbirth – an expert interview study. In: BMC Pregnancy & Childbirth 16, 2016, 1-16

[12]      Schärli, Marianne/Müller, Rita/Martin, Jacqueline S./Spichiger, Elisabeth & Spirig Rebecca: Zusammenarbeit Pflegefachpersonen & Ärzteschaft. In: Pflege 30 (2), 2017, 53-63

Abbildungen

 

Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: