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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 00319104
Autor: Astrid Klingenschmid, BSc
Telefon: 06601488019
E-Mail: astrid.klingenschmid@edu.fhg-tirol.ac.at

Affiliation:

LKF Management
tirol kliniken
A.ö. Landeskrankenhaus – Universitätskliniken Innsbruck
Anichstraße 35
6020 Innsbruck

Studiengang: Qualitäts- und Prozessmanagement im Gesundheitswesen
Forschungsbereich: Qualitätsmanagement

Fehlerkultur im Routinelabor

Optimierungsmöglichkeiten zur Etablierung einer konstruktiven Fehlerkultur im
Laboralltag aus Sicht von Biomedizinischen Analytikerinnen und Analytikern

Schlagwörter: Fehlerkultur, Routinelabor, Optimierungsmöglichkeiten, Big-Error-Picture, Lab-Buddy-System, Labor-CIRS

Einleitung

Rund 60 % – 70% aller Entscheidungen zur Behandlung von Patientinnen und Patienten werden teilweise oder ausschließlich auf Laborergebnissen getroffen (Regan und Forsman 2006, S. 122). Es wird von Ärztinnen und Ärzten erwartet und auch vorausgesetzt, dass Laborbefunde fehlerfrei sind. Die analytischen Prozesse sind sicher angelegt und das Fehlerrisiko bzw. etwaige Messfehler aufgrund der fortschreitenden Automatisierung im Labor auf ein Minimum beschränkt (Urbinelli 2006, S. 9). Prä- und postanalytische Fehler, strukturelle und organisatorische Defizite und auch der Faktor Mensch rücken daher in den Fokus.

Zeitgleich ist der Begriff Fehler ist in unserer Gesellschaft immer noch negativ behaftet und wird meist mit nachlässigem oder inkompetentem Handeln in Verbindung gebracht. Negative Emotionen und Angst dominieren den Berufsalltag. Begangene Fehler werden eher vertuscht, als das ihnen innewohnende Lernpotential erhoben und genutzt. Laut Nils Löber (Löber 2012, S. 231) überwiegt diese Ausprägungsform der Fehlerkultur im Gesundheitswesen. Diese Haltung ist besonders gefährlich, da die Fehlerursache bzw. das Risiko weiterhin besteht und der Fehler zukünftig wiederholt werden könnte. Der Weg hin zu einer offenen und konstruktiven Fehlerkultur, das systemische Betrachten von Fehlern und das Nutzen des Lernpotentials als Ressource im Sinne eines proaktiven Risikomanagements sollte laut Claude-Hélène Mayer (Mayer 2020, S. 62) angestrebt werden.

Methodische Vorgehensweise

Ausgehend von der Literatur zum Thema Fehlerkultur wurde eine induktive Kategorienkonstruktion nach Philipp Mayring 2015 vorgenommen. Der Fokus lag dabei auf Kriterien, die Einfluss auf die Etablierung einer konstruktiven Fehlerkultur im Routinelabor nehmen können. Durch die Anwendung dieser Methode konnten fünf Kategorien konstruiert werden:

Haltung, Führung, Kommunikation, Rahmenbedingungen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als Befragungstechnik wurde ein persönliches, problemzentriertes, halbstrukturiertes Einzelinterview von Betroffenen gewählt. Die Ableitung der Kategorie-Fragen für den Interviewleitfaden erfolgte nach der SPSS-Methode nach Cornelia Helfferich 2011. Zusätzlich wurden zwei fiktive Szenarien, die je einen vermeidbaren Fehler während des Routinelaborbetriebes beschrieben, entworfen. Die beiden Szenarien dienten als Icebreaker und Einstieg in die Interviews und ermöglichten es, offen und unabhängig von den Kategorie-Fragen, Verbesserungsideen erfassen zu können.

Es wurden insgesamt fünf Labore bei vier verschiedenen Krankenhausträgern innerhalb Tirols ausgewählt und zehn BMA befragt. Die Transkription des Interviewmaterials erfolgte nach Udo Kuckartz 2014 und die Inhaltsanalyse der Transkripte nach Philipp Maring 2015. Genutzt wurde bei der Inhaltsanalyse eine Kombination aus zwei Grundtechniken (Zusammenfassung und Strukturierung). Um Optimierungsmöglichkeiten aus den Interviewergebnissen ableiten zu können, wurden die beschriebenen Tools bzw. die genannten Stärken und die aufgezählten Schwächen, sowie die offenen Wünsche der BMA gegenübergestellt. Das Optimum, welches Stärken ausbaut, Schwächen vermindert bzw. behebt und Wünsche die als Chance wahrgenommen wurden, wurde als Optimierungsmöglichkeit herausgearbeitet, benannt und als Puzzleteil dargestellt.

Ergebnisse

Die Kategorien Rahmenbedingungen und Kommunikation führten zu je zwei und die Kategorie Führung zu einer Optimierungsmöglichkeit. Die beiden Szenarien führten ebenfalls zu zwei Verbesserungsvorschlägen und die Abschlussfrage I. zu einer möglichen Weiterentwicklungsidee. Insgesamt konnten anhand der Interviews acht Optimierungsmöglichkeiten abgeleitet werden, vgl. Abbildung 1:

  1. Die Installation eines laborinternen Fehlermeldesystems (Labor-CIRS) mit der optionalen Möglichkeit, Fehler anonym melden zu können.
  2. Regelmäßige Arbeitsplatzevaluierungen, damit latente Bedingungen im Sinne eines proaktiven Risikomanagementansatzes erfasst und der Veränderungsbedarf frühzeitig erkannt bzw. behoben werden kann.
  3. Laufende Besprechungen in denen beispielsweise die „Learnings of the Month“ und die daraus abgeleiteten Maßnahmen vorgestellt werden.
  4. Periodische Kommunikationsschulungen für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Routinelabor.
  5. Regelmäßige Führungsseminare für die Laborleitung.
  6. Ein laboreinheitliches und akzeptiertes „Big-Error-Picture“.
  7. Ein angemessenes Fehler-Levelsystem, welches anhand der Gewichtung des Schweregrades des Fehlers die vordefinierten Konsequenzen beschreibt.
  8. Ein lebendiges Lab-Buddy-System, das den Einschulungsprozesses transparenter gestaltet und nicht nur fachliches Wissen und methodische Fertigkeiten umfasst, sondern auch die Fehler-Kompetenzentwicklung beinhaltet.

–>ABBILDUNG 1

Abbildung 1: Visualisierung der acht erarbeiteten Optimierungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Fehlerkultur im Routinelabor, abgeleitet aus Einzelinterviews mit Biomedizinischen Analytikerinnen und Analytikern (eigene Darstellung).

Die Aufzählung der acht Optimierungsmöglichkeiten erfolgte chronologisch nach der Ableitungsreihenfolge, es wurde keine hierarchische Sortierung nach der Wichtigkeit vorgenommen.

Diskussion

In der Literatur wurde beschrieben, dass der Blick weg von der individuellen Schuld, sowie etwaige Schuldzuweisungen, Angstfreiheit und Sanktionsfreiheit im Umgang mit Fehlern und ein lösungsorientierter Ansatz fundamental für die Entwicklung einer positiven Fehlerkultur sind (Andel 2015, S. 901; Bibo 2015, S. 324–326; Cerwinka und Schranz 2014, S. 53–54; Das und Rohde 2020, S. 973; Hainich 2010, S. 62; Haller et al. 2005, S. 155; Roth 2018, S. 325; Savoca 2015, S. 117; Urbinelli 2006, S. 8; Waeschle et al. 2015, S. 694–697). Diese Aussagen konnten im Rahmen der Interviews bestätigt werden. Im Routinelabor-Setting sind diese Faktoren ebenfalls fundamental und stehen im Vordergrund.

Ausgehend von der Literatur wurde angenommen, dass die strukturellen Rahmenbedingungen starken Einfluss auf die Entwicklung einer Fehlerkultur und den Umgang mit Fehlern haben, dies konnte mit den Rückmeldungen aus den Interviews ebenfalls bestätigt werden. Wie von Ruth Urbinelli veröffentlicht, handelt es sich lediglich in 8 % der Fälle um Messfehler (Urbinelli 2006, S. 9). Die eingebauten Kontrollmechanismen und die hochtechnologischen, automatisierten Verfahren im Routinelabor verdeutlichen, dass die analytischen Prozesse sehr sicher angelegt sind und die Fehlermöglichkeiten durch die Automation auf ein Minimum beschränkt werden können. In den Interviews wurde in fünf von zehn Fälle angegeben, dass organisatorische Fehler subjektiv wahrgenommen, die am häufigsten vorkommende Fehlerquelle ist. Vor allem Zuständigkeiten, Verantwortlichkeiten, Arbeitsplatzabgrenzungen, Stress und Überforderung, Ablenkungen sowie Dienstplangestaltung und Personalmangel wurden in diesem Zusammenhang genannt. Auch hier zeigte sich eine Übereinstimmung mit den in der Literatur beschriebenen potentiellen Gefahrenquellen (vgl.: (Andel 2015, S. 902; Balhorn 2012, S. 348; Bibo 2015, S. 322–327; Cerwinka und Schranz 2014, S. 60; Haller et al. 2005, S. 150–155; Waeschle et al. 2015, S. 695–699). Auffallend war allerdings, dass nur zwei der befragten Personen angaben, dass es ihnen wichtig sei, bei der Meldung eines Fehlers anonym bleiben zu können. Diese Besonderheit im Labor-Setting ist wahrscheinlich der Dokumentationspflicht im Routinelabor geschuldet. Prinzipiell lässt sich im Labor, unabhängig von einer anonymen Fehlermeldung, jede Abweichung anhand der Aufzeichnung (sofern diese korrekt getätigt wurde) bis zur Verursacherin bzw. dem Verursacher zurückverfolgen. Dieser Umstand bedingt vermutlich die divergenten Ergebnisse zwischen der Literatur und den Interviewergebnissen.

Die Interviewergebnisse aus der Kategorie Kommunikation untermauern die in der Literatur beschriebene Wichtigkeit einer offenen, verständnisvollen und klaren Kommunikation. Auch diese Ergebnisse deckten sich mit den Angaben in der Literatur (Balhorn 2012, S. 348; Bibo 2015, S. 325; Cerwinka und Schranz 2014, S. 54; Geiwitsch 2010, S. 87; Haller et al. 2005, S. 150-157; Löber 2012, S. 230; Maxfield et al. 2013, S. 59; Roth 2018, S. 323–324; Waeschle et al. 2015, S. 694–701).

Trotz des vorhandenen Wissens kann zum aktuellen Zeitpunkt in der Labormedizin nicht von einer überwiegend konstruktiven oder positiven Fehlerkultur gesprochen werden kann. In einigen Bereichen gibt es organisationsseitig institutionalisierte Lernprozesse und Methoden die es ermöglichen aus Fehlern zu lernen. Nicht immer wird jedoch flexibel reagiert, oder kann offen und aktiv, ohne negative Emotionen oder Angst vor Konsequenzen kommuniziert und agiert werden. Auch eine Abkehr von Schuldzuweisungen hin zur Ursachenanalyse findet noch nicht flächendeckend statt. Das systemische Betrachten und das gleichzeitige Nutzen von Fehlern als Lernchance sind laut Angaben einiger befragter Personen noch nicht vollumfänglich möglich.

Durch die Anwendung, der in dieser Arbeit ausformulierten acht Optimierungsmöglichkeiten, welche durch die Ideen und Wünsche der Betroffenen entstanden sind, könnte eine Verbesserung der Struktur- bzw. der Prozessqualität und in weiterer Folge ein Wandel der Fehlerkultur im Routinelaboralltag erzielt werden.

Literatur

Andel, Harald (2015): Gedanken zur Fehlerkultur. In: Der Anaesthesist 64 (12), S. 901–902. DOI: 10.1007/s00101-015-0122-7.

Balhorn, Jutta (2012): Aufbau einer Sicherheitskultur – Eine Führungsaufgabe. In: Dialyse aktuell 16 (06), S. 346–350. DOI: 10.1055/s-0032-1323636.

Bibo, Christian (2015): Verschweigen hilft nicht. In: intensiv 23 (06), S. 321–327. DOI: 10.1055/s-0041-105918.

Cerwinka, Gabriele; Schranz, Gabriele (2014): Fehler erlaubt. Aus Fehlern lernen, statt Schuldige zu suchen. Mit 10 konkreten Praxisfällen. Wien: Linde (Linde international).

Geiwitsch, Alois P. (2010): Fehler sind menschlich! Wie Fehlerkultur und -management die Performance verbessern. In: QZ – Qualität und Zuverlässigkeit 55 (11), S. 86–88.

Haller, Urs; Welti, S.; Haenggi, Daniel; Fink, Daniel (2005): Von der Schuldfrage zur Fehlerkultur in der Medizin. Risiken, Fehler und Patientensicherheit. In: Gynäkologisch-geburtshilfliche Rundschau 45 (3), S. 147–160. DOI: 10.1159/000085196.

Löber, Nils (2012): Fehler und Fehlerkultur im Krankenhaus. Eine theoretisch-konzeptionelle Betrachtung. Zugl.: Eichstätt-Ingolstadt, Univ., Diss., 2011. 1. Aufl. Wiesbaden: Gabler Verlag / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Gabler Research). Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-8349-7106-7.

Maxfield, David; Grenny, Joseph; Lavandero, Ramón; Groah, Linda (2013): Silent kills. In: Im OP 3 (02), S. 59–63. DOI: 10.1055/s-0033-1336022.

Mayer, Claude-Hélène (2020): Positive Fehlerkultur als Ressource. In: Schmerzmedizin 36 (4), S. 62–67. DOI: 10.1007/s00940-020-1739-4.

Regan, Marybeth; Forsman, Rodney (2006): The impact of the laboratory on disease management. In: Disease management : DM 9 (2), S. 122–130. DOI: 10.1089/dis.2006.9.122.

Roth, Jens (2018): Qualitätsmanagement und Fehlerkultur. Wie geht man mit Fehlern um? In: retten! 7 (05), S. 322–325. DOI: 10.1055/a-0495-1653.

Urbinelli, Ruth (2006): Vier Jahre Erfahrung mit dem laborspezifischen Critical Incident Reporting System (CIRS-Labor). In: Pipette, Swiss Laboratory Medicine (6), S. 6–9.

Waeschle, Reiner M.; Bauer, Martin; Schmidt, Christian E. (2015): Fehler in der Medizin. Ursachen, Auswirkungen und Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit. In: Der Anaesthesist 64 (9), S. 689–704. DOI: 10.1007/s00101-015-0052-4.

Abbildungen

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Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: