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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 51907698
Autor: Martina Rafaela Rüegg,
Telefon: +41793593870
E-Mail: rueegg.martina@bluewin.ch

Affiliation:

Wissenschaftliche Assistentin, Berner Fachhochschule

Studiengang: Advanced Practice Midwifery
Forschungsbereich: Advanced Practice Midwifery

Die Wahrnehmung der interprofessionellen Zusammenarbeit von Hebammen und Geburtshelfer*innen

Schlagwörter: interprofessionelle Zusammenarbeit, Wahrnehmung, Geburtshilfe, Hebammen, Geburtshelfer*innen

Einleitung

In einem klinischen geburtshilflichen Team arbeiten verschiedenste Berufsgruppen in dynamischen und komplexen Versorgungssituationen zusammen. Unterschiedliche Berufskulturen können ein Hindernis für eine effektive Zusammenarbeit sein. Obwohl die unterschiedlichen Berufskulturen in der Geburtshilfe bekannt sind, sind jedoch nur einige Diskrepanzen mit Studien der gegenseitigen Wahrnehmung der Zusammenarbeit erforscht und belegt (Romijn et al. 2017). Mehrere Studien unterstreichen, dass die Zusammenarbeit zwischen Hebammen und Geburtshelfern mit höchster Qualität in der Versorgung erwünscht ist, diese aber durch verschiedene Faktoren behindert wird. Als Beispiel werden unterschiedliche Versorgungsphilosophien, fehlende gemeinsame Definitionen von Verantwortlichkeiten sowie hierarchisches Konkurrenzdenken erwähnt (Hastie/Fahy 2011; Ratti et al. 2014; van der Lee et al. 2016; Gleddie et al. 2018; Romijn et al. 2017). Ausserdem wird beschrieben, dass gegenseitiges Vertrauen, sozialer Verbundenheit, Respekt sowie Glaubwürdigkeit verbesserungswürdig wären (Reiger/Lane 2009; Hastie/Fahy 2011; van der Lee et al. 2016; Gleddie et al. 2018; Romijn et al. 2017).
Das Ziel dieser Arbeit ist es, mögliche Diskrepanzen in der Wahrnehmung der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Hebammen und Geburtshelfer*innen in Schweizer Kliniken zu eruieren und dabei eine erste empirische Arbeit in diesem Fachbereich der Schweiz zu erarbeiten. Basierend darauf wurde folgende Fragestellung formuliert und festgelegt: «Wie wird die aktuelle interprofessionelle Zusammenarbeit durch Hebammen und Geburtshelfer*innen auf ihren geburtshilflichen Stationen wahrgenommen?»

Methodische Vorgehensweise

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde ein quantitativ, exploratives Forschungsdesign gewählt. Die Daten für diese Arbeit wurden im Rahmen der multizentrischen Multimethod-Studie in Zusammenarbeit mit Liesa Beier erhoben. Dabei handelt es sich um ein Forschungsprojekt  mit dem Titel „Exploring Collaborative Practice between Midwives and Obstetricians in labour wards of acute care hospitals in Switzerland“, das untersucht, wie Hebammen und Geburtshelfer*innen die interprofessionelle Zusammenarbeit mit der anderen Berufsgruppe wahrnehmen und durch welche individuellen, kontextuellen und verhaltensbezogenen Faktoren diese beeinflusst ist. Zur Bewertung der wahrgenommenen interprofessionellen Zusammenarbeit wurde aus dem Fragebogen ausschliesslich die Interprofessional Collaboration Measurement Scale (IPCMS) von Kenaszchuk et al. (2010) und Vittadello et al. (2017) verwendet. Dieser adaptierte und validierte Fragebogen beinhaltet 13 Fragen, welche in drei Subskalen «Kommunikation», «Abstimmung» und «Abgrenzung» eingeteilt sind. Die Online-Befragung war von Ende August 2021 bis Mitte November 2021 in drei Schweizer Akutspitälern für Hebammen und Geburtshelfer*innen in deutscher Sprache zugänglich. Für diese Arbeit wurden die Daten bereits Ende Oktober exkludiert. Für die Datenanalyse wurden statistische Testverfahren für Gruppenunterschiede verwendet, wobei Komponente wie die Position der Geburtshelfer*innen und Funktion der Hebammen, die Berufserfahrung, das Arbeitspensum und das erlernen von Interprofessionalität während der Ausbildung/Studium mit einflossen.

Ergebnisse

Für die Auswertung wurden folglich 95 Antworten berücksichtigt. Insgesamt haben die Geburtshelfer*innen (N = 39) die interprofessionelle Zusammenarbeit mit den Hebammen (N = 56) in allen drei Subskalen die Wahrnehmung signifikant besserbewertet als gegenteilig. Die Position zeigt am deutlichsten Unterschiede in der Subskala «Abstimmung», bei welcher es um den Austausch von Meinungen und die Diskussion neuer Praktiken geht. Bei den Hebammen zeigte sich, dass die Funktion einen Unterschied auf die Wahrnehmung der interprofessionellen Zusammenarbeit zeigt, jedoch keinen signifikanten Einfluss hatte. Mit der steigenden Berufserfahrung wird die Wahrnehmung der interprofessionellen Zusammenarbeit deutlich schlechter wahrgenommen. Die Berufserfahrung hat einen signifikanten Einfluss in der Wahrnehmung der Subskala «Abstimmung» der interprofessionellen Zusammenarbeit bei den Studienteilnehmenden mit Berufserfahrung 0-5 Jahren und den Studienteilnehmenden mit >25 Jahren Berufserfahrung. Die Mittelwerte von den Geburtshelfer*innen und Hebammen in Bezug zum Arbeitspensum unterscheiden sich. Es zeigte sich erneut, dass die Geburtshelfer*innen die Hebammen signifikant besser bewerten, dies jedoch unabhängig vom Arbeitspensum. Deutlich mehr Studienteilnehmer*innen der Hebammen haben ein Modul der Interprofessionalität in der Ausbildung oder des Studiums besucht. Die Hebammen, welche Interprofessionalität während der Ausbildung/Studium erlernt haben, nehmen die Zusammenarbeit mit den Geburtshelfer*innen kritischer wahr. Es zeigt sich in dieser Arbeit, dass die Geburtshelfer*innen mit Interprofessionalität im Studium die interprofessionelle Zusammenarbeit in allen Subskalen der Wahrnehmung leicht besser bewertet haben als die Geburtshelfer*innen ohne erlernte Interprofessionalität.

Diskussion

Die Arbeit zeigt, dass Hebammen und Geburtshelfer*innen im Allgemeinen die interprofessionelle Zusammenarbeit positiv wahrgenommen haben. Zusammenfassend lässt sich die Hauptforschungsfrage beantworten, dass beide Berufsgruppen die interprofessionelle Zusammenarbeit ähnlich gut positiv, aber doch mit offensichtlichen Unterschieden bewertet haben. Dennoch, über alle drei Subskalen «Kommunikation», «Abgrenzung» und «Abstimmung», wurde die interprofessionelle Zusammenarbeit aus Sicht der Geburtshelfer*innen eindeutig besser bewertet als umgekehrt. Die statistischen Unterschiede in der Bewertung sind signifikant. Dass die Hebammen und Geburtshelfer*innen die interprofessionelle Zusammenarbeit unterschiedlich wahrnehmen, diese Erkenntnis bestätigt auch die ähnliche Studie von Romijn et al. (2017). Im Detail deutet die Subskala «Abstimmung» betreffend den Themen des Meinungsaustausches und der Bereitschaft zur Diskussion auf Potenzial zur Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit hin, dies signifikant bei der Position der Geburtshelfer*innen und der Berufserfahrung. Aus vorgängigen Studien kann entnommen werden, dass es viele Faktoren gibt, welche die interprofessionelle Zusammenarbeit beeinflussen können und es dabei auch zu einigen Überschneidungen kommen kann. Die Studienlage zeigt, dass ein effektiver Informationsaustausch schwierig sein kann, wenn Geburtshelfer*innen und Hebammen unterschiedliche Berufserfahrungen haben, dies führt zu unterschiedlichen Überzeugungen, Werten und Weltanschauungen (D’Amour et al. 2005; Munro et al. 2013). Andere Studienergebnisse zeigen, dass auch ein Mangel an Vertrauen die Ursache sein kann, weshalb der Meinungsaustausch und die Bereitschaft zu Diskussionen sich bei den Berufseinsteiger*innen schwieriger gestaltet. Ein Mangel an Vertrauen beim Gesundheitspersonal wird in den Studien immer wieder thematisiert (Gleddie et al., 2018; Munro et al., 2013). Es zeigt sich in dieser Arbeit, dass die Geburtshelfer*innen mit Interprofessionalität im Studium die interprofessionelle Zusammenarbeit in allen Subskalen der Wahrnehmung leicht besser bewertet haben als die Geburtshelfer*innen ohne erlernte Interprofessionalität. Hier zeigt sich also, dass das Förderprogramm der Interprofessionalität als Modul im Studium vom BAG (2013) der Ärzt*innen für die Zukunft noch positiver auf die interprofessionelle Zusammenarbeit auswirken kann.

Literatur

Bundesamt für Gesundheit (BAG): Bericht der Themengruppe «Interprofessionalität». 2020. www.gesundheit2020.ch Version: 20.07.2021

D’Amour, Danielle. et al. The conceptual basis for interprofessional collaboration. Core concepts and theoretical frameworks. In: Journal of Interprofessional Care 1, 2005, 116-131

Gleddie, Megan. et al.: Nurses’ perceptions of the dynamics and impacts of teamwork with physicians in labour and delivery. In: Journal of Interprofessional Care, 2018, 1–11

Hastie, Carolyn/Fahy, Kathleen: Inter-professional collaboration in delivery suite: A qualitative study. In: Women and Birth 24(2), 2011, 72–79

Kenaszchuk, Chris et al.: Validity and reliability of a multiple-group measurement scale for interprofessional collaboration. In: BMC Health Services Research 10:83, 2010, 1-15

Munro, Sarah et al.: Models of maternity care in rural environments. Barriers and attributes of interprofessional collaboration with midwives. In: Midwifery 29(6), 2013, 646–652

Ratti, Jillian. et al.: Playing Nice: Improving the Professional Climate Between Physicians and Midwives in the Calgary Area. In: Journal of Obstetrics and Gynaecology Canada 36(7), 2014, 590–597

Reiger, Karreen M./Lane, Karen L.: Working together: collaboration between midwives and doctors in public hospitals. In: Australian Health Review 33(2), 2009, 315-324

Romijn, Anita et al.: Interprofessional collaboration among care professionals in obstetrical care: are perceptions aligned? In: BMJ Quality & Safety 27(4), 2017, 279–286

van der Lee, Nadine et al.: How the past influences interprofessional collaboration between obstetricians and midwives in the Netherlands: Findings from a secondary analysis. In: Journal of Interprofessional Care 30(1), 2016, 71–76

Vittadello, Fabio et al.: A multiple-group measurement scale for interprofessional collaboration: Adaptation and validation into Italian and German languages. In: Journal of Interprofessional Care 32(3), 2018, 266–273

Abbildungen

 

Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: