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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

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Matrikel: 51907697
Autor: Jelena Rensinghoff, BSc
Telefon: +491787331635
E-Mail: Jelli-Rensinghoff@web.de

Affiliation:

Freiberufliche Beleghebamme
Klinik Hallerwiese, St.-Johannis-Mühlgasse 19, 90419 Nürnberg

Studiengang: Advanced Practice Midwifery
Forschungsbereich: Advanced Practice Midwifery

Muss das weh tun?
Möglichkeiten interdisziplinärer Maßnahmen und Therapieansätze zur Bewältigung postpartaler Dyspareunie aus Expert*innensicht

Schlagwörter: postpartum sexuality – dyspareunia – treatment

Einleitung

Schwangerschaft und Geburt bringen physische, psychische und soziale Veränderungen mit sich, die die sexuelle Gesundheit beeinflussen können. (vgl. Gutzeit et al., 2020) Eine erhebliche Beeinträchtigung der sexuellen Gesundheit stellt die postpartale Dyspareunie dar, welche ein weit verbreiteter Zustand ist. (vgl. Seehusen et al., 2014; Lagaert et al., 2017)

Dyspareunie beschreibt Schmerzen während des Sexualverkehrs im Bereich des Genitals und im kleinen Becken, die sowohl bei der versuchten als auch vollzogenen vaginalen Penetration auftreten können. (vgl. Pschyrembel, 2013) Vor allem im ersten Jahr nach der Geburt zeigt sich eine hohe Prävalenz, unabhängig vom Geburtsmodus. (vgl. Lal et al., 2011; Kahramanoglu et al., 2017; Saleh et al., 2019) Selbst nach zwölf Monaten sind noch über ein Viertel der Frauen von Dyspareunie betroffen. (vgl. Fauconnier et al., 2012; McDonald et al., 2015)

Da die bisherigen Studien zwar ermitteln konnten, dass ein großer Teil der Frauen betroffen ist, aber kaum ausführten, inwiefern der Zustand der postpartalen Dyspareunie beseitigt werden könnte, stellte sich die Frage, welche Möglichkeiten es aus Expert*innensicht gibt, mit einer postpartalen Dyspareunie umzugehen und diese zu bewältigen. Der Umgang mit der sexuellen Gesundheit von Frauen und das Gespräch darüber sind in der Praxis noch keine Routine. (vgl. Fuentealba-Torres et al., 2019) Nur wenige Gynäkolog*innen stellen routinemäßig auf die Sexualität bezogene Fragen an ihre Patientinnen, vor allem wenn sie keine spezielle Zusatzausbildung haben. (vgl. Kottmel et al., 2014) Dies führt dazu, dass sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen in der klinischen Praxis häufig übersehen werden. (vgl. Wheeler et al., 2020)

Das Ziel der Masterarbeit war das Zusammentragen interdisziplinärer Therapieansätze zur Bewältigung von sexuellen Schmerzzuständen nach der Entbindung. Hebammen soll in der häuslichen Betreuung geholfen werden, über postpartale Dyspareunie mit den Frauen zu sprechen und diese adäquat zu beraten. Bestenfalls profitieren auch andere Expertengruppen, die mit der postpartalen Behandlung von Frauen vertraut sind, von den gewonnenen Informationen und es entsteht zunehmend eine interdisziplinäre Vernetzung zur bestmöglichen Behandlung von Dyspareunie.

[Abbildung 1] Einflussfaktoren und vermutete Kausalzusammenhänge

Methodische Vorgehensweise

Das Forschungsdesign zur Datenerhebung basiert auf einem Leitfadeninterview. Als Basis für eine möglichst vielschichtige Handlungsempfehlung zum Umgang mit postpartaler Dyspareunie wurden fünf Berufsgruppen ausgewählt, die als Expert*innen befragt wurden. Diese waren Hebammen, Gynäkolog*innen, Physiotherapeut*innen, Osteopath*innen und Sexualtherapeut*innen. Die Rekrutierung erfolgte über öffentlich zugängliche Listen und direkte Empfehlungen. Insgesamt gaben 15 Expert*innen Handlungsempfehlungen für Maßnahmen zur schmerzfreien sexuellen Interaktion.

Die Interviews wurden transkribiert und durch einen spezifischen Code anonymisiert. Anschließend anhand eines Kategoriensystems strukturiert und daraufhin qualitativ ausgewertet und interpretiert.

[Abbildung 2] Erstellte Kategorien mit Subkategorien

Ergebnisse

Durch die Befragung der zuvor als für geeignet gehaltenen Expert*innen, bestätigte sich die Annahme, dass die fünf gewählten Berufsgruppen mit der Thematik in ihrem beruflichen Kontext konfrontiert werden. Die Interviews bekräftigten, dass die reine Primärausbildung in den verschiedenen Disziplinen zur adäquaten Behandlung der postpartalen Dyspareunie nicht ausreichend ist. Das Wissen über die Thematik beruht auf den praktischen Erkenntnissen der Expert*innen und ist abhängig von ihren Erfahrungen.

Es existieren verschiedene Therapiemöglichkeiten, je nach Berufsgruppe und Qualifikation. Bislang gibt es kein standardisiertes therapeutisches Vorgehen. Die befragten Expert*innen benannten anhand ihrer Erfahrungswerte unterschiedliche Ursachen, Einflussfaktoren und Lösungen. Auch hinsichtlich der Prävention postpartaler Dyspareunie wurden von den Befragten sowohl körperliche Maßnahmen und Aktivitäten, als auch mentale Vorbereitungen genannt, um das Risiko des Auftretens zu verringern bzw. gesundheitliche physische und psychische Schädigungen zu vermeiden. Die Sinnhaftigkeit der einzelnen Methoden wurde teilweise kontrovers eingeschätzt.

Die Interviewten machten unterschiedliche Angaben zur interdisziplinären Zusammenarbeit. Viele erachteten die fachübergreifende Kooperation als wichtigen Bestandteil der adäquaten Behandlung, wohingegen andere ihren eigenen ausgeübten Beruf im Fokus der Therapie sahen. Manche Expert*innen hielten alternative Behandlungsmethoden für denkbar, verweisen allerdings selten an andere Berufsgruppen und bleiben in der Praxis im Wesentlichen bei ihren eigenen Methoden.

Es wurde allgemein festgestellt, dass Frauen sich häufig nicht trauen, ihre Probleme anzusprechen und sich Hilfe zu holen und die postpartale Dyspareunie trotz der hohen Prävalenz, die auch durch die Interviews bestätigt wurde, somit ein Zufallsbefund ist. Fachübergreifende Hilfsangebote sind stark davon abhängig, wie gut die behandelnde Hebamme oder der/die behandelnde Gynäkolog*in interdisziplinär vernetzt ist.

Dadurch, dass die befragten Expert*innen ihre auf eigenem Erfahrungswissen beruhenden Perspektiven dargelegt haben, fehlen für die Bewertung der Maßnahmen die Evidenzen. Sie stellen lediglich eine Beschreibung eigener Handlungen, Interaktionen und Wahrnehmungen des/der Interviewpartner*in dar.

Diskussion

Es hat sich gezeigt, dass in den verschiedenen Expert*innengruppen durchaus Therapieansätze zur Bewältigung postpartaler Dyspareunie gibt. Diese sind primär abhängig von der jeweiligen Ursache, aber auch vom Behandlungsgebiet der entsprechenden konsultierten Person. Da Dyspareunie aber meistens ein multifaktorielles Geschehen ist, sollte unbedingt auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit Wert gelegt und je nach beeinflussenden Faktoren ein berufsübergreifendes Netzwerk geschaffen werden.

Frauen müssen aktiv in der Wochenbettbetreuung durch die Hebamme oder bei der Nachuntersuchung durch den/die Gynäkolog*in angesprochen werden.
[Abbildung 3] Übersichtsgrafik

Insgesamt werden weitere Studien benötigt, um evidenzbasierte Therapieansätze und Präventionsstrategien zu generieren. Die therapeutische Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen muss empirisch belegt werden. Im Hinblick darauf, dass sich die meisten Studien nicht mit postpartaler Dyspareunie im Speziellen, sondern Dyspareunie und sexuellen Dysfunktionen im Allgemeinen beschäftigen, sollten weiterführende Untersuchungen diesen Umstand berücksichtigen. Für die Validierung der Behandlungseffekte sollten die Patientinnen mittels Fragebögen mit einbezogen werden.

Literatur

Gutzeit, Ola et al.: Postpartum Sexual Function: Risk Factors for Postpartum Sexual Dysfunction. In: Sexual Medicine 8, 2020, 8-13

Fauconnier, Arnaud et al.: Late post-partum dyspareunia: Does delivery play a role? In: Progrès en Urologie 22(4), 2012, 225-232

Fuentealba-Torres, Miguel et al.: What are the prevalence and factors associated with sexual dysfunction in breastfeeding women? A Brazilian cross-sectional analytical study. In: BMJ Open 9(4), 2019

Kahramanoglu, Ilker et al.: The Impact of Mode of Delivery on the Sexual Function of Primiparous Women: A Prospective Study. In: Archives of Gynecology and Obstetrics 295(4), 2017, 907-916

Kottmel, Andrea et al.: Do Gynecologists talk about Sexual Dysfunction with their Patients? In: Journal of Sexual Medicine 11(8), 2014, 2048-2054

Lagaert, Liesbet et al.: Postpartum dyspareunia and sexual functioning: a prospective cohort study. In: The European Journal of Contraception & Reproductive Health Care 22(3), 2017, 200-206

Lal, Mira et al.: Does post-caesarean dyspareunia reflect sexual malfunction, pelvic floor and perineal dysfunction? In: Journal of Obstetrics and Gynecology 31(7), 2011, 617- 630

McDonald, Ellie et al.: Dyspareunia and Childbirth: A Prospective Cohort Study. In: BJOG: An International Journal of Obstetrics and Gynaecology 122(5), 2015, 672–679

Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. 264. Auflage. Berlin, Boston: De Gruyter: 2013

Saleh, Doaa et al.: Effect of mode of delivery on female sexual function: A cross-sectional study. In: Journal of Obstetrics and Gynaecology Research 45(6), 2019, 1143-1147

Seehusen, Dean et al.: Dyspareunia in women. In: American Family Physician 90(7), 2014, 465-470

Wheeler, Lindsay et al.: Female Sexual Dysfunction: Pharmacologic and Therapeutic Interventions. In: Obstetrics and Gynecology 136(1), 2020, 174-186

Abbildungen

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Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: