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Einreichung Short Paper zur Abschlussarbeit

  • von

Matrikel: 51907696
Autor: Susanne Pongracz,
Telefon: +41 44 545 3176
E-Mail: kontakt@susannepongracz.de

Affiliation:

Hebamme, Universitätsspital Zürich/ Schweiz

Studiengang: Advanced Practice Midwifery
Forschungsbereich: Advanced Practice Midwifery

Bedürfnisse und Ressourcen von Frauen mit missed abortion im häuslichen Umfeld

deren Abort medikamentös eingeleitet wird

Schlagwörter: missed abortion, verhaltene Fehlgeburt, früher Schwangerschaftsverlust, Misoprostol, medikamentöser Abort, medikamentöse Behandlung, zu Hause

Einleitung

Fehlgeburten sind mit einer Inzidenz von 10-15% [1,2] ein relativ häufig vorkommendes Ereignis. Die aktuelle Studienlage zeigt auch auf, dass es nach einer Fehlgeburt zu Belastungs- und Angststörungen sowie Depressionen kommen kann [3, 4]. Darüber hinaus kann eine unzureichende psychische Verarbeitung Auswirkungen auf eine Folgeschwangerschaft haben [5]. Im Gegensatz dazu scheint das Wissen über die Häufigkeit von Fehlgeburten und deren Auswirkungen auf das physische und vor allem psychische Befinden gesellschaftlich, vor allem aber auch bei den betroffenen Frauen selbst, nur gering ausgeprägt zu sein. Von vielen Frauen wird auch darauf verwiesen, dass sie mit ihrem Umfeld über dieses Erlebnis nicht sprechen können, da in der Gesellschaft noch immer eine gewisse Tabuisierung des Themas anzutreffen ist. Das kann zu Isolationsgefühlen führen [6]. In Bezug auf die Betreuung von Frauen mit Fehlgeburten ist bekannt, dass die Qualität der fachlichen Begleitung einen erheblichen Einfluss auf das emotionale Erleben und Verarbeiten des Fehlgeburtsereignisses hat [6, 7]. Bei einem Abort im häuslichen Umfeld, bei dem Fachpersonen in der Regel nicht anwesend sind, sind die Frauen jedoch weitgehend auf sich allein gestellt. Die Studienliteratur sagt nur wenig darüber aus, wie diese Frauen eine medikamentös eingeleitete missed abortion-Situation zu Hause bewältigen. Speziell zum medikamentösen Abort im häuslichen Setting gibt es kaum Studien, die die Untersuchung der Bedürfnisse und Ressourcen dieser Frauen zum Ziel haben.

Die Arbeit beschäftigt sich mit folgender Fragestellung:

Welche Bedürfnisse haben Frauen mit missed abortion, deren Abort medikamentös eingeleitet im häuslichen Umfeld stattfindet und welche Ressourcen stehen ihnen dabei zur Verfügung?

Die Beantwortung dieser Frage soll unter Einbeziehung salutogenetischer Aspekte für den gesamten Prozess vom Diagnosegespräch bis zur Nachbetreuung erfolgen. Dazu werden drei Unterfragen abgeleitet, die der Beantwortung der Hauptfrage dienen:

  • Was stärkt den Aspekt Verstehbarkeit und Verstandenwerden?
  • Was stärkt die Selbstwirksamkeit und das Sicherheitsgefühl der Frauen?
  • Was stärkt die Verarbeitung und den Aspekt Sinnhaftigkeit?

Die Autorin geht von folgender Hypothese aus: Die Bedürfnisse und Ressourcen werden in der medizinischen Praxis unzureichend berücksichtigt.

Methodische Vorgehensweise

Der theoretische Teil dieser Arbeit basiert auf einer umfangreichen Literaturrecherche mit themenrelevanten Schlüsselwörtern in einschlägigen Suchmaschinen.

Dem empirischen Teil liegt ein qualitatives Forschungsdesign zugrunde. Vor Beginn der empirischen Untersuchung erfolgte eine Zuständigkeitsabklärung bei der kantonalen Ethikkommission. Diese stellte eine Nichtzuständigkeitserklärung aus.

Aufgrund von erschwerten Rekrutierungsbedingungen erfolgte die Rekrutierung nach folgenden Kriterien (Convenience-Sampling):

  • Frauen nach einer missed abortion- oder Abortivfrucht-Diagnose,
  • Frauen mit medikamentöser Behandlung oder abwartendem Vorgehen,
  • Patient*innen von anderen medizinischen Einrichtungen als dem USZ in der deutschsprachigen Schweiz.

Das häusliche Setting war für alle Kandidat*innen eine grundsätzliche Voraussetzung.

Die Rekrutierung erfolgte vom 01.05.21 bis 31.07.21 am USZ jeweils im gynäkologischen Ambulatorium und im Notfallzimmer der gynäkologischen Abteilung und über Empfehlung durch Fachkolleginnen vom 06.05.21-31.08.21.

Zur Datenerhebung kamen leitfadengestützte Einzelinterviews (telefonisches oder persönliches Gespräch) zum Einsatz, wobei der im Voraus erstellte Leitfaden als Gesprächsstruktur diente. Die Teilnahme an den Interviews beruhte auf Freiwilligkeit, welche durch eine Einverständniserklärung durch die betroffenen Frauen bestätigt wurde.

Die Interviews wurden auf Tonträger (als doppelte Sicherung auf dem I-Phone ® und einem weiteren digitalen Aufnahmegerät) aufgezeichnet.

Die auf die I-Phone ®-Audiodateien aufgenommenen Interviews wurden durch die Autorin selbst bzw. in einem Fall durch eine beauftragte Lektorin wortgetreu transkribiert. Die Transkription selbst erfolgte nach den von Kuckartz (2018) aufgestellten Regeln für die computergestützte Auswertung [8]. Im Interesse des Datenschutzes wurden die persönlichen Daten anonymisiert.

Die Interviews wurden anschliessend mit der zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet [9].

Ergebnisse

Insgesamt wurden fünf Frauen interviewt. Die Diagnose missed abortion bestand bei vier Interviewteilnehmerinnen. Einer Frau wurde eine Abortivfrucht diagnostiziert. Alle Frauen leben in der deutschsprachigen Ostschweiz und wurden an einer Deutsch-Schweizer-gynäkologischen Einrichtung betreut. Zum Zeitpunkt des Aborts waren die Interviewteilnehmerinnen zwischen 31 und 37 Jahren alt und entweder in einer Partnerschaft lebend oder verheiratet. Alle Frauen besitzen einen Fachhochschul- und Hochschulabschluss.

Die Bedürfnisse und Ressourcen wurden von der Phase Diagnosestellung bis zur Nachbetreuung ermittelt und den salutogenetischen Aspekten der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit zugeordnet (Abb 1). Die Ergebnisse zeigen, dass viele der Bedürfnisse und Ressourcen von Frauen mit Fehlgeburten im häuslichen Umfeld bereits weitgehend bekannt sind und  auch überwiegend berücksichtigt werden. Die aufgestellte Hypothese besteht sich demzufolge nicht. Grundsätzlich ist erkennbar, dass die informativen Grundlagen für den Abortprozess zu Hause vor allem im Aufklärungsgespräch gelegt werden. Die Aspekte der Verstehbarkeit und des Verstandenwerdens in den Phasen Diagnose- und Aufklärungsgespräch sind relevant für die Stärkung der Handhabbarkeit während des Abortprozesses zu Hause. Der Aspekt der Verstehbarkeit wurde durch Berücksichtigung der durch die Schocksituation ausgelösten mental-emotionalen Blockade beeinflusst.  Es war den Frauen nach dem Diagnose-und Aufklärungsgepräch deshalb wichtig, individuell genügend Zeit für die Verarbeitung der erhaltenen Informationen erhalten zu haben. Bei der Aufklärung über die zu erwartenden Blutungen und Schmerzen wurde eine eher unterschätzende Tendenz festgestellt, die teilweise zur Überforderung bei der Bewältigung des späteren Abortprozesses führte. Fachliche Unterstützung beim Abortprozess zu Hause wurde  nur in Notfallsituation als  notwendig angesehen, ansonsten waren Personen aus dem persönlichen Umfeld eine hilfreiche Unterstützung.

Die Verarbeitung des Abortereignisses (Handhabbarkeit/Sinnhaftigkeit) wurde positiv gefördert, wenn die betroffenen Frauen mit ihrem Umfeld oder mit Frauen, die auch schon eine Fehlgeburt erlebt haben, sprechen konnten. Schuldgefühlen konnten damit entgegengewirkt werden. Die Ressource gesellschaftliche Offenheit für das Thema Fehlgeburt wurde dabei als grosses Potential eingeschätzt, wurde jedoch von der Mehrheit der Frauen immer noch als Tabuthema angesehen

Diskussion

Aus den Ergebnissen können Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die Praxis abgeleitet werden.

Im Aufklärungsgespräch sollte eine möglichst vollständige Erfassung der persönlichen Situation entsprechend der individuellen Planungen bzw. Termine und der emotionalen Verfasstheit erfolgen. Dafür wird die Verwendung einespsycho-sozialen Assessment und Geno-Ökogramms empfohlen. Das Einräumen von ausreichend Zeit für die Verarbeitung der Diagnose und zur Meinungsbildung nach dem Aufklärungsgespräch ist wichtig für das Treffen einer selbstbestimmten Entscheidung. Der Zeitfaktor ist jedoch individuell unterschiedlich.

Vorbereitende Massnahmen auf die zu erwartenden Schmerzen und Blutungen sollten im Aufklärungsgespräch besprochen werden. Notfallsets, die Vorbereitung auf schmerzlindernde Körper-und Mentaltechniken oder die Anwendung von Wärme [10, 11] können den salutogenetischen Aspekt der Handhabbarkeit beim Abortprozess unterstützen. Der Abort zu Hause sollte nicht ohne Begleitpersonen stattfinden. Hierbei sind Unterstützung durch Partner*innen, Familie, helfende Freunde wichtige hilfreiche externe Ressourcen. Die ärztliche Notfallabsicherung ist durch eine niedrigschwellige Kontaktaufnahme zu gewährleisten [12]. Eine psychische Entlastung von einer eventuell empfundener Schuldsituation wird durch die Ressource „Reden hilft“ gefördert [13, 14, 14]. Die Nutzung dieser Ressource fördert eine angemessene Anerkennung des Verlustereignisses durch das soziale Umfeld, die sinngebende Einordnung in das eigene Weltbild und die Weitergabe der eigenen Erfahrung an andere betroffene Frauen. Weiterhin stellt sie eine sinnstiftende Tätigkeit für die betroffene Frau sowie einen Beitrag zur Förderung der Gesellschaftsfähigkeit und Enttabuisierung des Themas dar. Diese externe Ressource sollte nutzbar gemacht werden und kann evtl. auch durch Selbsthilfegruppen gefördert werden. Offenheit im unmittelbaren sozialen und weiteren gesellschaftlichen Umfeld sind dafür Voraussetzung. Auf Isolations- und Schuldgefühle [3, 5] sollte geachtet werden. Eine systematische Erfassung dieser könnte durch ein telefonisches Nachgespräch erfolgen.

Aufgrund des geringen Stichprobenumfangs von fünf Teilnehmerinnen und des Zurückgreifens auf ein Convenience-Sample sind die Ergebnisse dieser Arbeit  nicht repräsentativ für die Grundgesamtheit.

Literatur

[1] Larsen, Elisabeth Clare/ Christiansen Ole Bjarne/ Kolte Astrid Marie, Macklon, Nick: New insights into mechanisms behind miscarriage. In: BMC Medicine,11/154, 2013, 1-10. https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/1741-7015-11-154

[2] Quenby, Siobhan/Gallos, Ioannis D./Dhillon-Smith, Rima K./Podesek, Marcelina/Stephenson, Mary D. /Fisher, Joanne et al.: Miscarriage matters: the epidemiological, physical, psychological, and economic costs of early pregnancy loss. In: The Lancet, 397/10285, 2021, 1658-1667

[3] Farren, Jessica/Jalmbrant, Maria/Falconieri, Nora/Mitchell-Jones, Nicola/Bobdiwala, Shabnam/Al-Memar, Maya et al.: Posttraumatic stress, anxiety and depression following miscarriage and ectopic pregnancy: a multicenter, prospective, cohort study. In: American Journal of Obstetrics and Gynecology 222/4, 2020, 367.e1-367.e22

[4] Volgsten, Helena/Jansson, Caroline/Skoog Svanberg, Agneta/Darj, Elisabeth/ Stavreus-Evers, Anneli: Longitudinal study of emotional experiences, grief and depressive symptoms in women and men after miscarriage. In: Midwifery 64, 2018, 23–28

[5] Bergner, Annekathrin/Beyer, Reinhard/ Klapp, Burghard/Rauchfuß, Martina: Trauer, Bewältigung und subjektive Ursachenzuschreibungen nach Frühaborten: Adaptivität von Verarbeitungsmustern untersucht in einer Längsschnittstudie. In: Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 59/02, 2009, 57–67

[6] Bellhouse, Clare/Temple-Smith, Meredith/Watson, Shaun/Bilardi, Jade: “The loss was traumatic… some healthcare providers added to that”: Women’s experiences of miscarriage. In: Women and Birth 32/2, 2019, 137–146

[7] Murphy, Fiona/Philpin, Susan: Early miscarriage as ‘matter out of place’: An ethnographic study of nursing practice in a hospital gynaecological unit. In: International Journal of Nursing Studies 47/5, 2010, 534–541

[8] Dresing, Thorsten/Pehl, Thorsten: Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse. Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende. Marburg, 2013, 5. Auflage

[9] Mayring, Phillip: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim und Basel: Beltz-Verlag. 2015, 12. Überarbeitete Auflage

[10] Maeffert, Jana: Schwangerenbetreuung: Die konservative Therapie der verhaltenen Fehlgeburt. In: Frauenarzt 11, 2020, 776-779

[11] Maurer, Franziska: Die Physiologie kennen, professionell handeln. Hannover: Elvin Staude Verlag GmbH, 2018. 2. Auflage

[12] Wurzer, Carina: Fehlgeburten: Abwarten oder eingreifen?. Die Hebamme, 2016, 29, 166–171

[13] Rowlands, Ingrid Jean/Lee, Christina: ‘The silence was deafening’: social and health service support after miscarriage. In: Journal of Reproductive and Infant Psychology 28/3, 2010, 274–286

[14] Geller, Pamela A./Psaros, Christina/Levine Kornfield, Sara: Satisfaction with pregnancy loss aftercare: are women getting what they want? In: Archives of Womens Mental Health, 13/2, 2010, 111–124

[15] Brann, Maria/Bute, Jennifer J./Foxworthy Scott, Susanna: Qualitative Assessment of Bad News Delivery Practices during Miscarriage Diagnosis. In: Qualitative Health Research 30/2, 2020, 258–267

Abbildungen

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Erstbeurteilung:
Zweitbeurteilung:

Anmerkung: